Ans Bett gefesselter „Asov“-Kämpfer in Russland wegen „Terrorismus“ verurteilt

Der “Asov”-Kämpfer Bohdan ist weit weg — in russischer Gefangenschaft. Nach mehreren Prellungen und schweren Misshandlungen durch Schläge ist er ans Bett gefesselt. Ein russisches Gericht hat ihn zu 16 Jahren Freiheitsentzug verurteilt.
Im September 2020 vollendete Bohdan Trofimjuk aus Slavut im Gebiet Chmelnytskyj sein 18. Lebensjahr. Er hatte eine Ausbildung zum Automechaniker gemacht und dann beschlossen, den Wehrdienst nicht in der Armee zu leisten, sondern dem Beispiel eines Freundes zu folgen und sich “Asov” anzuschließen. Er ging bewusst den Weg eines Verteidigers der Ukraine, er wollte der Heimat dienen und ihre Unabhängigkeit verteidigen, erzählt Inna Trofimjuk:
“Bohdan ist ein liebender Sohn und fürsorglicher Bruder, er ist sehr gut, zielstrebig, verantwortungsbewusst, ernsthaft, reifer als seinem Alter entsprechend. Nach dem Entschluss, zu ‘Asov’ zu gehen, begab er sich schon am 1. Februar nach Kyjiv und drei Wochen später nach Mariupol, zu einem Kurs für junge Kämpfer. Ihm sagte das zu — die Regeln, der Drill, er hielt das gut durch. Im Juni hat unsere ganze Familie ihn in Mariupol besucht. Er kam raus, wir gingen zusammen spazieren. Im Herbst kam er in Urlaub. Die ganze Zeit ließ er das Lied von Vakartschuk laufen « Draußen ist erst Februar”. Ich erinnere mich jetzt ständig daran…
Die Vollinvasion erlebte Bohdan an seinem Dienststandort, in Mariupol. Am 5. März erlitt er eine Prellung, am 9. April ein weiteres schweres akustisch-barometrisches Trauma.
Damals hatten wir ab und zu Kontakt, aber er sagte mir nichts von seiner Verletzung. Ich erfuhr das von Jungens aus Slavuti, mit denen er gesprochen hatte. Ich schrieb ihm: “Stimmt das, Bohdan, dass du im Krankenhaus liegst?” Er fragte “Mama, wer hat dir das gesagt? Ja…” Er wollte nicht, dass ich mir Sorgen machte, darum hatte er mir nichts erzählt. Ich telefonierte erst am 28. mit ihm und hörte, dass er sehr schlecht sprach, sehr langsam. Ich fragte: “Was ist los mit dir?”, aber er sagte. “Alles ist gut, Mama…”

Inna berichtet, sie habe während der heftigen Kämpfe in der Stadt nur um eines gebetet, darum, dass der Herr ihr Kind schützen möge. Und Bohdan überlebte, aber er kam in Gefangenschaft. Das geschah am 17. Mai in Asovstal. Am Tag darauf waren er und seine Kameraden bereits in “Olenivka”. Am 13. Juni rief er seine Mutter sogar an und bat, den SBU über seine Gefangenschaft zu informieren. Er sprach immer noch sehr langsam, offenbar brauchte er nach der Prellung immer noch medizinische Behandlung.
Am 18. Juni rief er nochmals an, nur für wenige Sekunden. Er fragte, ob ich zur Polizei gegangen sei und Informationen über ihn weitergegeben hätte, und sagte, bei ihm sei alles gut. Danach hatte ich keinerlei Kontakt mehr zu ihm.
In der Nacht auf den 29. Juli wurden bei einem Terrorakt in Olenivka mindestens 50 ukrainische Gefangene getötet. Im September kehrte einer von Bohdans Kommandeuren anlässlich eines Austauschs aus der Gefangenschaft zurück und berichtete, dass er am Leben sei und sich sogar von der Verletzung erhole. Andere freigelassene Kameraden brachten ebenfalls positive Nachrichten: Sie “haben ihn lebend gesehen”, “er erholt sich”, “mithilfe von Kameraden kann er sich bewegen”. Das Leben der Trofimjuks bestand aus dem Warten auf derartige Mini-Nachrichten — von einem Austausch zum nächsten. Im Juli 2023 wurde ein Häftling freigelassen, der zusammen mit Bohdan in der Krankenstation gewesen war, schon in der Kolonie von Horlivka. Von ihm erfuhr Inna, dass ihr Sohn nicht laufen kann.

Bei der “Aufnahme” in Horlivka wurde Bohdan brutal zusammengeschlagen. Danach konnte er nicht mehr gehen. Die Kameraden sagten, sie hätten ihn für einen “Zweihunderter”, für tot gehalten. Nach den Schlägen wurde er einfach wie ein überflüssiger Gegenstand weggebracht. Er lag lange Zeit völlig reglos, ohne was zu sagen, nichts. Dann pflegte ihn ein Arzt, der im “Asovstal” mit ihm zusammen gewesen war. Bohdan kam zu sich. Aber die Folgen waren schwerwiegend, er konnte nicht gehen. Wenn es irgendeine Rehabilitation gegeben hätte, hätte er vielleicht allmählich wieder aufstehen können… Später rief die Frau eines seiner Kameraden an, der 2023 ausgetauscht worden war. Sie sagte, ihr Mann sei Bohdan sehr dankbar, mein Sohn sei immer so zuversichtlich gewesen, er habe selbst, als er ans Bett gefesselt war, seine Kameraden moralisch unterstützt und ihnen Mut gemacht.
Die nächsten spärlichen Informationen trafen erst im September 2024 ein. Ein paar freigelassene Soldaten setzten sich mit Inna in Verbindung. Es stellte sich heraus, dass sich Bohdan in Tores befand und immer noch nicht gehen konnte.
“Die Kameraden kümmerten sich um ihn. Er hatte schon einen Rollstuhl, darin brachte ihn in der Krankenstation gelegentlich nach draußen. Ende 2024 kam er in die Altaj Region … Wie lange und wo genau er da war, weiß ich nicht. Aber 2025 befand er sich bereits in Saransk, im Untersuchungsgefängnis Nr. 1.”
Am 6. Februar 2026 wurde Bohdan Trofimjuk auf einer auswärtigen Sitzung des Zentralen Militärbezirksgerichts zu 16 Jahren Haft verurteilt. Er war nach den Artikeln angeklagt worden, die gewöhnlich für Asov-Angehörige verwendet werden, d. h. nach Art. 205.3 StGB RF (Ausbildung für terroristische Tätigkeit) und nach Art. 205.4, Abschn. 2 (Organisation und Mitarbeit in einer Terrorgruppe). Konkrete Verbrechen wurden ihm nicht vorgeworfen. Er wurde von den Beamten in den Saal getragen.
Im Winter dieses Jahres wiesen Journalisten von “Mediazona” darauf hin, dass das Zentrale Militärbezirksgericht (das seinen Sitz in Jekaterinburg hat) eine hohe Anzahl auswärtiger Verhandlungen in Saransk durchgeführt hat. Damals wurden innerhalb einer Woche in der Hauptstadt von Mordvinien fast zwei Urteile pro Tag verkündet (unter den Verurteilten war auch Bohdan). Normalerweise werden “Asov”-Angehörige im Südlichen Militärbezirksgericht in Rostov am Don verurteilt. Soldaten, die im Laufe der Kursker Operation in Gefangenschaft gerieten, werden im 2. Westlichen Bezirksgericht verurteilt. Wahrscheinlich wurde Saransk deshalb ausgewählt, weil gerade in Mordvinien die berüchtigte Strafkolonie Nr. 10 liegt, wo gefangene Ukrainer in Haft sind. “Einen Richter nach Saransk zu schicken ist billiger als Hunderte Gefangener zum Gericht zu schaffen”, vermuteten die Journalisten von “Mediazona”. Vom Urteil erfuhr Inna von der von Russland eingesetzten Anwältin. Es ist bekannt, dass Bohdan sie nach der Verhandlung als Anwältin abgelehnt hat. Vielleicht wurde er dazu gezwungen. Kontakt zu Bohdan gibt es nicht. Es ist auch nicht bekannt, wo er sich jetzt befindet. Vermutlich immer noch im Untersuchungsgefängnis von Saransk oder in der Strafkolonie Nr. 10 in Mordvinien.
“Bohdan braucht medizinische Behandlung”, sagt Inna Trofimjuk. “Das fünfte Jahr seiner Haft hat begonnen. Ich fürchte, es kann irreparable Folgen haben, wenn er keine spezielle neurochirurgische Behandlung bekommt. Das ist ein sehr ernster Zustand, der mit Gehirnverletzungen, Traumata des Rückenmarks, einer Lähmung oder Muskelschäden durch lange Unbeweglichkeit zusammenhängen kann. Davon abgesehen, dass er nicht gehen kann, hat er ständig starke Kopfschmerzen, Panikattacken…Davon haben vor zwei Jahren seine Kameraden berichtet. Wo ist mein Sohn jetzt? Was ist mit ihm? Es gibt keinerlei Briefe, nichts… Ich warte so auf ihn, denke mir — mein Gott, wann wird dieser Tag endlich kommen, ich warte so auf ihn. Für eine Mutter gibt es nichts Schlimmeres als ihr Kind nicht sehen zu können, nicht zu wissen, was mit ihm ist. Jeder Tag des Wartens ist ein Kampf zwischen Hoffnung und Tränen. Ich lebe und warte auf den Tag, an dem das Telefon klingelt und ich die Stimme meines Sohnes höre: ‘Mama., ich bin zu Hause’. Bohdan ist ein Sohn, mit dem ich über alles reden kann. Als er nach der 9. Klasse im College in Ostroh studierte, kam er an freien Tagen nach Hause und brachte mir jedes Mal eine weiße Rose mit…. Er hatte Heimweh. Es ist sehr schwer. Ich möchte so sehr, dass er nach Hause kommt. Wir waren so sehr auf ihn.”

Allein wegen der Zugehörigkeit zu den Streitkräften, der Teilnahme an Übungen oder Kampfhandlungen kann niemand strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Die Verfahren gegen Asov-Angehörige haben jedoch nichts mit einer gerechten Justiz gemein. Die meisten von ihnen erhalten nur deshalb langjährige Haftstrafen nach Terrorismus-Artikeln, weil sie ihr Land verteidigt haben. Am 2. August 2022 hat das Oberste Gericht der Russischen Föderation “Asov” zu einer Terrororganisation erklärt. Ein Großteil der Wehrdienstleistenden, die heute wegen ihrer Zugehörigkeit zu Asov verurteilt werden, befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Monate in russischer Kriegsgefangenschaft. Sowohl internationale als auch die russische Gesetzgebung verbieten es, strafrechtliche oder ordnungsrechtliche Bestimmungen rückwirkend anzuwenden. Es ist bezeichnend, dass die Entscheidung des Obersten russischen Gerichts lange geheim gehalten wurde. Erst im letzten Jahr wurde der Text dank dem Zentrum Memorial der Öffentlichkeit zugänglich.
Nach Auffassung der Menschenrechtsaktivisten basiert die Entscheidung des Obersten Gerichts auf unbewiesenen Behauptungen, auf einer widerrechtlichen Anwendung der russischen Gesetzgebung auf dem Gebiet der Ukraine, einer willkürlichen Verknüpfung von Ereignissen, die nichts miteinander zu tun haben, sowie auf einer systematischen Missachtung von Rechtsprinzipien.
Außerdem sind nach den Bestimmungen von Artikel 109 der Dritten Genfer Konvention zum Umgang mit Kriegsgefangenen die Konfliktparteien verpflichtet, schwer kranke und schwer verletzte Kriegsgefangene in ihr Heimatland bringen zu lassen, unabhängig von ihrem Rang und ihrer Anzahl, sobald ihr Gesundheitszustand einen Transport zulässt.
Austausche von Gefangenen, die ernsthaft krank sind, hat es bereits mehrfach gegeben, ebenso wie Austauschaktionen, bei denen Personen freikamen, die nach 2000 geboren wurden. Es ist nicht nachzuvollziehen, warum Bohdan, der ans Bett gefesselt ist und der sein 25. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, immer noch nicht ausgetauscht wurde.