Das Ziel ist der Kollaps

Russische Angriffe auf das ukrainische Eisenbahnnetz werden massiv intensiviert.
Serhij Okunjev03. Februar 2026UA DE FR RU

Атака на фастівський вокзал. Грудень 2025 року. Фото: Сергій Окунєв

Angriff auf den Bahnhof von Fastiv. Dezember 2025. Foto: Serhij Okunjev

Russische Angriffe auf das ukrainische Bahnnetz gab es seit den ersten Tagen der Vollinvasion, und sie haben nie aufgehört. Aber um den Jahreswechsel 2025/2026 hat die Besatzungsarmee diese Angriffe deutlich intensiviert. Sie richteten sich insbesondere gegen zivile Bahnhöfe, Depots mit zivilen Personenzügen und andere Objekte, die keinerlei Bezug zu Truppen oder zur militärischen Logistik hatten.

Den Russen ist es wesentlich darum zu tun, einen kompletten Zusammenbruch im ukrainischen Hinterland zu erreichen und ukrainische Zivilisten extrem unter Druck zu setzen und zu gefährden. Angriffe auf das Bahnnnetz dürften daher Teil dieser Strategie sein.

Ein zerstörter Bahnhof, verbrannte Regionalzüge und kein einziges militärisches Ziel. Der russische Angriff auf die Stadt Fastiv

In der Nacht auf den 6. Dezember 2025 richtete Russland einen massiven Angriff auf die Stadt Fastiv, wo sich einer der größten Eisenbahnknoten im Gebiet Kyjiv und in der Zentralukraine befindet. Durch Drohnen wurde ein ziviler Bahnhof vollständig zerstört, der keinerlei Bezug zu militärischen Aufgaben hatte und bis zu seiner Zerstörung offen in Betrieb gewesen war.

Die russische Propaganda rechtfertigte den Angriff auf Fastiv mit der Behauptung, er habe einem Zug mit Militärtechnik gegolten, der angeblich im Depot in der Nähe des Bahnhofs zerstört worden sei. Einen Angriff auf das Depot hatte es tatsächlich gegeben. Allerdings wurden in den ersten Stunden etwa einem Dutzend Journalisten, darunter dem Autor dieser Zeilen, Zugang ins Gebäude des beschädigten Depots gewährt. Es gab nicht die geringsten Anzeichen für Militärtechnik, keine entsprechenden Überreste und auch keine Bahnsteige für den Transport ins Depot. Tatsächliche „Opfer“ der Angriffe waren gewöhnliche Vorortszüge, die gar nicht für den Transport schwerer Lasten geeignet waren.

Der Schlag gegen Fastiv war lediglich einer von vielen in einer Welle russischer Attacken auf Bahnhöfe. Nach offenen Quellen führte Russland im Jahre 2025 mindestens sechs solcher Angriffe durch. Am 4. Oktober 2025 wurde der Bahnhof in Schostka im Gebiet Sumy von russischen Drohnen getroffen. Eine Person kam ums Leben, fast 30 wurden verletzt.

Von sechs Großangriffen auf Bahnhöfe entfiel die Hälfte, also drei, auf Dezember 2025. Somit kann man davon ausgehen, dass solche Attacken kein Zufall sind, sondern zu einem weiteren russischen Plan gehören, der Ende 2025 verstärkt in Angriff genommen wurde. Außerdem hat der Feind etliche Male versucht, Bahnumspannwerke und andere Infrastrukturobjekte zu zerstören, die unmittelbar die Arbeit der Eisenbahn insgesamt tangieren. Offene Quellen bringen keine Statistik solcher Angriffe, allerdings ist bekannt, dass sie im Jahre 2025 wesentlich zugenommen haben.

Атака на фастівський вокзал. Грудень 2025 року. Фото: Сергій Окунєв

Angriff auf den Bahnhof von Fastiv. Dezember 2025. Foto: Serhij Okunjev

Die Eisenbahn-„Kill zone“. Was über Angriffe auf Züge bekannt ist und welche Gefahr sie mit sich bringen

Abgesehen von der Infrastruktur und Bahnhöfen greift der Feind auch die Züge selbst an. Besonders gefährlich wurde dies in Gebieten nahe der Grenze oder der Front. In der zweiten Jahreshälfte von 2025 wurden gleichzeitig mehrere Drohnenangriffe auf die Eisenbahn und Lokomotiven in den Gebieten Tschernihiv und Sumy durchgeführt. Im Oktober 2025 hat die russische Einheit „Rubikon“, die für ihre Kriegsverbrechen an der ukrainischen Zivilbevölkerung bekannt ist, ein Video von einem gezielten Schlag im Gebiet Tschernihiv gegen eine Lokomotive veröffentlicht, die nicht einmal beladen war.

Im Oktober sprach der bekannte Drohnen und Funk-Spezialist Serhij „Flesch“ (Beskrestnov) von der Gefahr solcher Angriffe.

„Der Einsatz online-gesteuerter Shaheds gegen bewegliche Ziele ist sehr begrenzt. Erwartungsgemäß sind dadurch die Eisenbahn, Sammeltransportbewegungen und schwere Technik in erster Linie gefährdet. Irgendein Pickup der Streitkräfte ist kein Ziel für eine 50-kg-Shahed. Eine Shahed wird von einer chinesischen Kamera und einem chinesischen Funkmodem gesteuert. Die praktische Einsatz-Reichweite beträgt bis zu 200 km. Für die, die mich nicht gehört haben — die größte Gefahr besteht für unseren Bahntransport; vorerst bis zu 200 km von der Grenze entfernt, aber technisch sind auch 400 km möglich“, so kommentierte Flesch die Pläne des Feindes.

Dann veröffentlichten die Russen noch ein weiteres Video von einem Angriff auf die Eisenbahn.

Noch schwieriger ist die Situation in den frontnahen Gebieten, wo der zivile Bahnverkehr unter Umständen nur wenige Dutzend Kilometer von den feindlichen Positionen entfernt verläuft. Am 6. November wurde nach einer Serie von Angriffen auf zivile Züge der Bahnverkehr mit dem Gebiet Donezk eingestellt. Regionalzüge zwischen Städten im Gebiet Donezk verkehren nicht mehr, und der Intercity, der Kramatorsk und Slovjansk verbindet, hat ab sofort seine Endhaltestelle im Gebiet Charkiv.

Aufgrund der Entwicklung der russischen Drohnen ist eine Entfernung von etwa 20 km oder weniger bis zur Staatsgrenze oder Frontlinie für den Zugverkehr äußerst gefährlich. Russische Shaheds, die jetzt auch online gesteuert werden, können jedoch Züge in wesentlich größeren Entfernungen, auch Hunderte von Kilometern im Hinterland angreifen.

Атака на фастівський вокзал. Грудень 2025 року. Фото: Сергій Окунєв

Angriff auf den Bahnhof von Fastiv. Dezember 2025. Foto: Serhij Okunjev

Spur in Belarus. Was über die neue feindliche Taktik gegen die Zugverbindungen in der Ukraine bekannt ist

An den letzten Dezembertagen 2025 richtete der Feind eine ganze Serie von Angriffen gegen die Eisenbahn-Infrastruktur und den rollenden Bestand auf dem Streckenabschnitt „Kovel-Kyjiv“. Darüber hatte vor allem der bereits erwähnte Experte Serhij „Flesch“ berichtet.

„Vor zwei Tagen griffen Shaheds einen Zug an und danach die Reparatur-Brigade, vorgestern eine Eisenbahnbrücke, gestern Nacht ein Lokomotiven-Depot. All diese Angriffe zielen auf den Streckenabschnitt Kyjiv-Kovel. Der Gegner will diese logistische Verbindung zwischen der Ukraine und Polen kappen. Die Angriffe werden weitergehen. Obwohl die Shaheds aus der Russischen Föderation kommen, gehe ich nach wie vor davon aus, dass sie von Belarus aus gelenkt werden“, sagte der Experte am 26. Dezember.

Die Version von der „belarusischen Spur“ tauchte später noch mehrfach auf. Selbst der Präsident äußerte in einer seiner Ansprachen, dass im belarusischen Grenzgebiet auf den Dächern von Wohnhäusern Antennen zur Steuerung von Shaheds installiert seien.

„Nach Angaben unseres Nachrichtendienstes befindet sich die Ausrüstung, die bei Angriffen gegen die Ukraine genutzt wird, in belarusischen Orten in Grenznähe, unter anderem auf Wohnhäusern. Auf Dächern gewöhnlicher vierstöckiger Häuser sind Antennen und andere Einrichtungen angebracht, die es ermöglichen, „Shaheds“ auf Ziele in unseren Westregionen zu richten. Das ist eine absolute Missachtung von Menschenleben, und es ist wichtig, dass man in Minsk aufhört, damit zu spielen. Wir informieren die Partner und werden gemeinsame Reaktionen vorbereiten“, erklärte der Präsident.

Die Bahnstrecke Kovel-Kyjiv spielt eine äußerst wichtige Rolle für den Personenverkehr der West- und Zentralukraine. Und Angriffe wie der Versuch, Eisenbahnbrücken zu zerstören, können die Sicherheit insbesondere von Personenzügen gefährden.

Obwohl die Eisenbahn von den Truppen tatsächlich für die Logistik genutzt werden kann, legt das humanitäre Völkerrecht das Prinzip der Verhältnismäßigkeit genau fest. Angriffe auf beliebige Eisenbahnobjekte können nicht allein damit gerechtfertigt werden, dass es theoretisch möglich ist, durch diese Objekte die Truppen logistisch zu versorgen. Die zu erwartenden Verluste unter Zivilisten oder die Beschädigung ziviler Infrastruktur werden weit über dem erhofften militärischen Vorteil liegen. Und solche Fälle wie der Angriff auf den Bahnhof in Fastiv oder auf einen Eisenbahntransport, der keinerlei militärische Mission verfolgte, kann als Kriegsverbrechen qualifiziert werden.

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