Die Russen haben zwei Brüder aus Enerhodar entführt, die die im Kernkraftwerk beschäftigt waren

Ljudmyla Vasylivna wartet auf die Rückkehr gleich zweier Angehöriger aus russischer Gefangenschaft: Im September 2022 haben die Russen in Enerhodar ihre beiden Brüder verhaftet – die Zwillinge Serhij und Oleksandr Korzhi.
Iryna Skatschko28. März 2024UA DE EN ES FR RU

Сергій та Олександр Коржі Сергей и Александр Коржи

Serhij und Oleksandr Korzhi

Beide waren jahrelang als Ingenieure im Atomkraftwerk von Zaporizhzhia beschäftigt. Sie lebten bei Enerhodar, einer im Dorf Novovodjane, der andere in Novoukrajinka.

„Sascha (Oleksandr) begleitete Serhij gerade nach Hause“, berichtet die Schwester. „Sie gingen über das Feld. Dort waren lange keine russischen Soldaten mehr gewesen. Plötzlich tauchte ein neuer Kontrollposten auf. Und irgendwas in Serhijs Telefon gefiel ihnen nicht.“

Nach der Überprüfung wurden die Brüder sofort getrennt.

„Serhij wurde ins Gefängnis von Enerhodar gebracht. Und Sascha in ein anderes Dorf.“

Nach drei Tagen wurde Oleksandr freigelassen.

„Sascha war total verängstigt“, sagt seine Frau Tetjana, die das besetzte Gebiet im letzten Sommer verlassen hat. „Sie hatten ihn die ganze Zeit in der Tankstelle neben dem Dorf Blahovischtschenka, in einem Zelt, festgehalten. Seine Hände waren die ganzen drei Tage mit Klebeband gefesselt. Wenigstens war es warm. Ein Auto kam, ich ging ans Tor, und sie fragten: ‚Vermissen Sie nicht Ihren Mann?‘ — ‚Ja‘, sagte ich. Er saß hinten, einen Sack über den Kopf gezogen, mit Klebeband gefesselt… Sascha erzählte danach, dass er in diesen drei Tagen dreimal vom Leben Abschied genommen habe. Man bedrohte ihn und gab einen Schuss unmittelbar an seinem Ohr ab.“

„Die Finger waren ganz steif, er konnte sie nicht bewegen… Zu Hause behandelten wir ihn, so gut es ging“, berichtet Ljudmyla. Am 16. Dezember 2022 sollte Sascha nach Enerhodar zu seiner Mutter fahren. Irgendwo auf dem Weg wurde er angehalten, und das war’s… Danach haben wir ihn nicht mehr gesehen.“

Die Charkiver Menschenrechtsgruppe (ChMG) hat schon darüber berichtet, dass im zeitweilig besetzten Enerhodar Mitarbeiter des AKW entführt wurden. Journalisten des Wallstreet Journal schrieben bereits 2022, dass alle von ihnen gefoltert wurden, von der Leitung bis zu gewöhnlichen Arbeitern. Im Juli 2022 starb der Taucher des Hydraulikwerks im AKW von Zaporizhzhia, Andrij Hontscharuk, in einem Krankenhaus von Enerhodar, nachdem er grausam gefoltert worden war. Einige werden schließlich freigelassen, manche werden vermisst, andere wiederum werden von der verzweigten Maschinerie der russischen Haftanstalten absorbiert.

„Erdloch“

Die Angehörigen suchten überall nach Serhij und Oleksandr, aber die Besatzungsbehörden gaben ihnen keinerlei Auskunft. Sie schüchterten sie vielmehr ein und drohten, dass sie bei weiteren Nachfragen selbst in einem „Erdloch“ landen könnten.

Als „Erdloch“ bezeichneten die Russen Orte, wo sie entführte Ukrainer gefangen hielten. Wie diese Folterstätten eingerichtet sind, berichtete ein Einwohner von Enerhodar, dem es gelungen war, aus einem dieser „Erdlöcher“ zu entkommen, in einem Interview mit „Zmina“. Nach seiner Aussage handelt es sich um einen unterirdischen, fensterlosen Raum. Man wird so „ernährt“, dass man so gerade am Leben bleibt, und man wird genau nach Stundenplan geschlagen, dreimal am Tag. Wie sich später herausstellte, haben die Russen auch Serhij einige Zeit in so einem „Erdloch“ gefangen gehalten.

Noch im November, vor Saschas zweiter Entführung, tauchte in Video auf, in dem Serhij, malträtiert, kaum zu erkennen und sichtlich gefoltert, „gesteht“, dass er angeblich das „Feuer ukrainischer Soldaten auf das Atomkraftwerk“ gelenkt habe. Nach der Aufschrift auf dem Video zu urteilen, befand er sich während dieser Aufzeichnung im Gebiet Cherson.

„Es war zu sehen, in welchem Zustand er sich befand…. Er hat Sachen gesagt, die einem einfach nicht in den Kopf gehen“, so Ljudmylas Kommentar zu diesem furchtbaren Video.

Скріншот з відео каналу

Screenshot aus dem Video aus „Rossija 24“

Danach hörte man nichts mehr. Es gab lange keinerlei Nachrichten von den Brüdern. Angehörige und Freunde in regierungskontrolliertem Gebiet der Ukraine versuchten, über unterschiedliche Gruppen in sozialen Netzwerken etwas herauszufinden. Zu einem bestimmten Zeitpunkt Anfang 2023 sollen sich beide Brüder in Melitopol befunden haben.

Untersuchungshaftanstalt (Ermittlungsisolator) Nr. 2

Im Sommer letzten Jahres ließ sich klären, dass sich Serhij und Oleksandr Korzhi in Simferopol befinden, im berüchtigten Ermittlungsisolator Nr. 2. Diese Information hat später auch der erste Stellvertretende Bürgermeister von Enerhodar Ivan Samojdjuk bestätigt, der ebenfalls über 300 Tage in russischer Gefangenschaft verbracht hat. Er wurde im Februar letzten Jahres ausgetauscht.

Von Serhij ist sogar ein Brief auf einem Formular des Ermittlungsisolators Nr. 2 angekommen. Oleksandr schreibt nicht.

Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie die Russen mit Zivilisten umgehen, die sie in der Südukraine entführt haben. „Anfangs werden sie von russischen Soldaten oder Angehörigen der Russischen Nationalgarde in den besetzten Gebieten gefoltert. Danach bringt man sie in Ermittlungsisolatoren auf der Krim, wo sie von FSB-Mitarbeitern gefoltert werden, die ein Geständnis erzwingen wollen. Das betrifft alle, sowohl jene, die einen Anwalt haben als auch wie die, die keinen haben“, berichtet Olga Skrypnyk, die Vorstandsvorsitzende der Menschenrechtsgruppe Krim.

Wie die Menschenrechtsgruppe Krim mitteilt, untersteht der Ermittlungsisolator von Simferopol nicht dem Föderalen Strafvollzugsdienst, sondern wird vollständig vom FSB kontrolliert. Er ist für ukrainische Bürger gedacht, die von den Besatzern entführt wurden — auf der Krim und in den kürzlich besetzten Regionen.

СІЗО-2. Новий слідчий ізолятор у тимчасово окупованому Сімферополі. СИЗО-2. Новый следственный изолятор во временно оккупированном Симферополе.

Ermittlungsisolator Nr. 2: Ein neuer Ermittlungsisolator im zeitweilig besetzten Simferopol

Dieser Isolator wurde im Herbst 2022 auf dem Gelände der Besserungskolonie Nr. 1 eröffnet. Zuvor wurden die Ukrainer vor allem in einem speziellen Block des Ermittlungsisolators Nr. 1 festgehalten, aber es kamen sehr viele Gefangene zusammen. Bereits nach ein paar Monaten waren in der neuen Einrichtung 110 Personen aus den Gebieten Cherson und Zaporizhzhia inhaftiert. Hier wird der Journalist Serhij Zyhipa gefangen gehalten und vor kurzem auch der spanische Freiwillige Mariano Garcia Kalatajud.

Ehemalige Gefangene des Ermittlungsisolators Nr. 2 erzählten Journalisten von „Medusa“, dass den Gefangenen von 6 Uhr morgens bis zur Nacht nicht erlaubt wird, auf ihren Pritschen zu sitzen oder zu liegen. Aus Lautsprechern ertönt regelmäßig in großer Lautstärke die russische Hymne. Sie ist sogar außerhalb der Kolonie zu hören. Ein russischer Anwalt, der auf der Krim arbeitet und bat, seinen Namen nicht zu nennen, bezeichnete den Ermittlungsisolator Nr. 2 als Anstalt, die dem „Lefortovo“-Gefängnis in Moskau entspricht. Denn auch hier kommen alle Anweisungen zu den Haftbedingungen unmittelbar vom FSB: „Ein FSB-General kam und gab den Befehl, die Gefangenen nicht zu Spaziergängen herauszulassen, um sie noch strenger zu isolieren.“

Viele berichteten über die Haftbedingungen der gefangenen Krimtataren im Ermittlungsisolator Nr. 2. Ihnen wurde verboten, Gebete zu sprechen, und ihre Habseligkeiten und Lebensmittel wurden beschlagnahmt. Ekrem Korsch wurde mit dem Knie in die Rippen gestoßen, Asan und Asis Achtemov wurden gezwungen, die russische Hymne zu lernen.

Sie sind nicht hier

Viele zivile Gefangene werden im Ermittlungsisolator Nr. 2 festgehalten, ohne Strafverfahren einzuleiten, ohne den Angehörigen Auskunft über das Schicksal der Vermissten zu erteilen und Anwälten Zugang zu ihnen zu gewähren.

„Die Russen halten ukrainische Zivilisten häufig ohne Urteil fest. Sie schreiben, ‚es läuft eine Überprüfung über eine Beteiligung am Widerstand gegen die Militärische Spezialoperation. Diese Überprüfung dauert schon das zweite Jahr an, die Personen haben keinen Status“, sagt Tamila Bespala, Anwältin der ChMG.

Später stellte sich heraus, dass gegen Serhij offenbar doch Anklage nach Artikel 276 des StGB der RF erhoben wurde — wegen „Spionage“. Weshalb Oleksandr festgehalten wird, ist unbekannt.

„Sie haben überhaupt nichts gegen Sascha in der Hand!“, sagt seine Frau. „Als er das erste Mal für drei Tage eingesperrt wurde und sie ihn danach nach Hause brachten, überprüfte das FSB bei uns alles, das Notebook, Telefone — ohne irgendetwas zu finden.

Selbst wenn man weiß, wo die Russen einen Angehörigen festhalten, ist es für die Familie äußerst schwer, eine offizielle Bestätigung zu seinem Aufenthaltsort zu erhalten.

„Ich habe alle vorhandenen Informationen ans Rote Kreuz geschickt, aber in der Organisation wird nicht bestätigt, dass sich meine Brüder im Ermittlungsisolator Nr. 2 befinden“, sagt Ljudmyla Vasylivna. „Die Russen räumen das auf Anfrage des IKRK nicht ein. Wie kann das sein?“

Vom Fehlen eines effizienten Monitorings und einer Kontrolle russischer Haftanstalten durch internationale Organisationen war schon vor zehn Jahren die Rede, als der Krieg begann und die RF die Krim annektierte. Das Problem blieb bis heute ungelöst.

„In den besetzten ukrainischen Gebieten und in der RF, wohin die Ukrainer verschleppt werden, gibt es keine Kontrolle durch internationale Institutionen, weder durch das IKRK noch eine OSZE-Mission“, erklärt Oleksandr Pavlitschenko. „Sie müssten unabhängige Besuche in Haftanstalten durchführen und klären, wer unter welchen Bedingungen und auf welcher Grundlage inhaftiert ist. … Das ist ein Indiz dafür, dass das Internationale Vertragsrecht sehr selektiv angewandt wird. Wenn wir irgendwelche Bilder von Besuchen durch IKRK-Vertreter zu sehen bekommen, etwa in der Untersuchungshaftanstalt von Simferopol, dann ist das in gewissem Maße eine inszenierte Show.“

Tamila Bespala stimmt zu: „Es kommt darauf an, effizientere Verfahren zu entwickeln, um eine Bestätigung für den Aufenthalt von Gefangenen zu bekommen. Es gibt viele Fälle, in denen wir wissen, dass sich ein ukrainischer Bürger in Gefangenschaft befindet, es gibt sogar Videos, die das beweisen, aber das Rote Kreuz kann keinerlei Auskunft erhalten und nicht offiziell bestätigen, dass er inhaftiert ist.“

Vor kurzem wurde bekannt, dass Serhij in eine psychiatrische Klinik verlegt wurde. Möglicherweise gilt das auch für Sascha, wenn man bedenkt, dass es keinerlei Nachrichten von ihm gibt. Warum und weshalb, weiß niemand.


Nach Auskunft des Koordinationsstabs für Kriegsgefangene befinden sich derzeit etwa 14.000 Zivilisten in russischer Gefangenschaft. Nur bei 1.600 Personen wurde der Aufenthaltsort bestätigt. Zurückkehren konnten bisher nur einige wenige — 147 Personen.

Die ChMG hat eine Hotline für Vermisste eingerichtet. Wenn Sie ein Angehöriger sind oder Kenntnis von Kriegsgefangenen oder Zivilgefangenen oder von Zivilpersonen wissen, die auf besetztem Gebiet vermisst werden, kontaktieren Sie die Nummer 0 800 20 24 02 (gebührenfrei).

Wir können nicht garantieren, dass es uns gelingt, den Aufenthaltsort Ihres Angehörigen festzustellen. Allerdings ist es uns in den Jahren unserer Arbeit gelungen, über 30% der Personen ausfindig zu machen, über die uns Mitteilung gemacht wurde.

Artikel teilen