Die Staatsanwaltschaft hat im letzten Jahr annähernd 69. 000 russische Kriegsverbrechen registriert

Was hinter den Zahlen steht
In einem Jahr, von Juni 2025 bis Juni 2026, hat das Büro des Generalstaatsanwalts der Ukraine 72.295 Strafverfahren registriert und eingeleitet, die mit der russischen Aggression zusammenhängen. 68.900 von ihnen wurden nach Artikel 438 des Strafgesetzbuchs ausdrücklich wegen Kriegsverbrechen eröffnet. Dies erklärte der Generalstaatsanwalt Ruslan Kravtschenko in seinem Rechenschaftsbericht über ein Jahr seiner Amtszeit.
“Manchen mag das viel erscheinen, anderen wenig. In meinen Augen ist es nicht genug”, kommentierte der Staatsanwalt.
In dem Tätigkeitsjahr seiner Behörde wurden 349 Personen für verdächtig erklärt, Kriegsverbrechen begangen zu haben. 258 Straffälle wurden dem Gericht übergeben. Bereits 97 Personen wurden verurteilt. Darunter ist auch das Urteil vom April gegen den Besatzungs-“Direktor” von Askani Novi, der zu 15 Jahren Freiheitsentzug verurteilt wurde, weil er seltene Tiere aus dem Naturschutzgebiet weggeschafft hatte. Das ist das erste Urteil in der Ukraine wegen eines Kriegsverbrechens gegen ein Naturschutzgebiet.
Separat werden Verfahren behandelt, die mit Verbrechen gegen Kinder zu tun haben. Inzwischen wurden 81 Urteile gefällt, 18 davon zu lebenslangen Haftstrafen.
Die Gesamtzahl festgestellter Aggessionsverbrechen seit Beginn der Vollinvasion im Februar 2022 liegt bei über 256.000, mehr als 225.000 sind ausgesprochene Kriegserbrechen. Diese Angaben gab Kravtschenko im Mari 2026 auf der internationalen Konferenz “United for Justice” bekannt.
Außerdem hat T4P mit Stand vom 23. Juni 2026 110.095 Kriegsverbrechen dokumentiert, die seit der Vollinvasion in der Ukraine begangen wurden.
Internationale Dimension
Vor kurzem, im März 2026, wurde das Mandat der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe, die zur Untersuchung schwerwiegender internationaler in der Ukraine begangener Verbrechen geschaffen wurde, um zwei Jahre verlängert,. Diese Gruppe arbeitet mit Unterstützung von Eurojust, darin arbeiten Strafverfolgungsbehörden und Staatsanwaltschaften der Ukraine, Litauens, Lettlands, Polens, Estlands, Rumäniens und der Slowakei zusammen. Ihre Partner sind Eurojust, Europol und das Büro des Staatsanwalts des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH).
Die gemeinsame Ermittlungsgruppe gibt Staaten die Möglichkeit, ihre Ermittlungen zu koordinieren, Beweismittel auszutauschen, mit Zeugen und Opfern zu arbeiten, die in verschiedenen Ländern leben, und doppelte Untersuchungen zu vermeiden. Das ist besonders wichtig bei Verfahren gegen Verbrechen, die auf ukrainischem Territorium begangen wurden, bei denen aber die Folgen, Beweise oder auch Verdächtige mit anderen Staaten in Zusammenhang stehen.
Nach der Verlängerung des Mandats muss sich die Gruppe verstärkt auf Verbrechen gegen ukrainische Kinder konzentrieren. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem ungesetzlichen Transport und der Deportation von Kindern aus der Ukraine nach Russland und Belarus. Nach Angaben von Eurojust gehört dies zu den Prioritäten in der künftigen Arbeit der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe. Wegen der gesetzwidrigen Deportation und Zwangsumsiedlung ukrainischer Kinder hat der IStGH bereits im März 2023 Haftbefehle gegen Vladimir Putin und die russische Kinderrechtsbeauftragte Marija Lvova-Belova ausgestellt.
Obwohl der IStGH eine äußerst wichtige Rolle bei der Wiederherstellung der Gerechtigkeit spielt, kann er Russland nicht selbst für den Krieg gegen die Ukraine zur Verantwortung ziehen. Das Gericht ist berechtigt, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Genozid zu untersuchen, die unmittelbar während der Kampfhandlungen begangen werden. Aber das Hauptproblem liegt in der rechtlichen Beurteilung der eigentlichen Ursache, nämlich des Verbrechens der Aggression. Da die Russische Föderation dem Römischen Statut nicht angehört, hat der IStGH juristisch keine Möglichkeit, die russische Führung wegen des unprovozierten bewaffneten Überfalls zur Verantwortung zu ziehen.
Um diese rechtliche Lücke zu schließen, haben die Ukraine und der Europarat am 25. Juni 2025 in Straßburg ein bilaterales Abkommen über die Schaffung eines Sondertribunals für das Verbrechen der Aggression gegen die Ukraine unterzeichnet. Im Unterschied zu nationalen Gerichten, die konkrete Kriegsverbrechen behandeln, oder dem IStGH, der für Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Genozid zuständig ist, konzentriert sich dieses Tribunal auf die Verantwortung für die Entfesselung eines Aggressionskrieges. Sein Mandat sieht die Ermittlung, Strafverfolgung sowie Gerichtsverfahren gegen Personen vor, die in besonders hohem Maß für die Aggression gegen die Ukraine verantwortlich sind — für Planung, Vorbereitung, Einleitung und Durchführung. In erster Linie betrifft das die höchste politische und militärische Führung des staatlichen Aggressors sowie weitere Personen, die eine maßgebliche Rolle beim Entschluss zum Angriff und bei seiner Umsetzung gespielt haben.
Zudem muss das Tribunal auch praktisch in vollem Sinne starten: Im Januar 2026 haben sich der Europarat und die Europäische Union auf die Finanzierung eines speziellen Vorbereitungsteams geeinigt, das die institutionellen, logistischen und organisatorischen Grundlagen für seine Arbeit schaffen soll. Im Mai 2026 haben 36 Staaten und die Europäische Union ein erweitertes Teilabkommen hinsichtlich eines Verwaltungsausschusses des Sondertribunals unterstützt, der für die Finanzierung und administrative Betreuung dieses Mechanismus sorgen soll.
Russland begeht weiterhin Kriegsverbrechen
Nach Angaben der UN-Beobachtungsmission für Menschenrechte in der Ukraine sind in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 in der Ukraine mindestens 815 Zivilisten ums Leben gekommen, 4.174 wurden verletzt. Das waren 21% mehr als im Vergleichszeitraum von 2025. Im Mai 2026 hat sich die Situation noch verschlechtert: die UNO verzeichnete mindestens 274 Todesopfer und 1.763 verletzte Zivilisten. Das war die höchste Zahl an zivilen Opfern seit April 2022. Hauptursache für Todesfälle und Verletzungen sind nach wie vor Angriffe durch Raketen und Drohnen, Bombardierungen, Artilleriebeschuss und der Einsatz von Explosivwaffen in Regionen, in denen Zivilpersonen leben.
Sexuelle Gewalt im Zusammenhang mit dem Konflikt gehört ebenfalls zu den dokumentierten russischen Verbrechen. 2026 hat die UNO russische Truppen und Sicherheitskräfte erstmals in das Verzeichnis von Konfliktparteien aufgenommen, die für sexuelle Gewalt im Zusammenhang mit dem Konflikt verantwortlich sind. Im Bericht des UN-Generalsekretärs geht es um 310 überprüfte Fälle sexueller Gewalt gegen ukrainische Kriegsgefangene und Zivilisten, die von Russland oder den Besatzungsorganen gefangen gehalten werden. Wegen des damit verbundenen Stigmas, der Angst und der Traumata kann es hier eine hohe Dunkelziffer geben.
Zerstörungen des ukrainischen Erbes zählen ebenfalls zu den Folgen der russischen Aggression. Nach Auskunft des ukrainischen Kulturministeriums sind bis Ende Mai 2026 durch russische Attacken 1.913 Kulturdenkmäler und 2.573 Objekte der kulturellen Infrastruktur zerstört oder beschädigt worden.
Neben den Kulturobjekten gerät auch die Bildungsinfrastruktur ins Visier der Angriffe. Im russischen Krieg gegen die Ukraine wurden durch Beschuss oder Bombardierungen annähernd 4.000 Bildungseinrichtungen beschädigt, über 400 von ihnen wurden vollständig vernichtet, wie der Minister für Bildung und Wissenschaft, Oksen Lisovyj, mitteilt.
Diese Verbrechen zu dokumentieren, Beweismittel zu sichern und die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen sind die Voraussetzung dafür, Gerechtigkeit für die Opfer herzustellen und zu gewährleisten, dass solche Verbrechen nicht zur Norm werden.