Russen entführen ukrainische Kinder und löschen ihre Identität aus

Internationale Erklärungen, Zeugenaussagen von Kindern und Angaben der ukrainischen Regierung belegen, dass es sich nicht nur um Kriegsverbrechen handelt, sondern um eine gezielte Politik zur Vernichtung der ukrainischen Identität.
Vor kurzem hat die Unabhängige Internationale UN-Kommission zur Untersuchung von Verstößen in der Ukraine erklärt, dass die Deportation und Zwangsverschleppung ukrainischer Kinder durch Russland Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen. Davon ist in diesem Bericht der Kommission ausdrücklich die Rede.
Darin heißt es, dass die überprüften Beweise der Deportation von mindestens 1.205 Kindern aus fünf ukrainischen Gebieten bestätigen, dass diese Taten systematisch erfolgen und dass sie als internationale Verbrechen zu qualifizieren sind.
Zudem erklärt die Kommission, dass die russischen Behörden die Eltern und gesetzlichen Betreuer systematisch in Unkenntnis darüber lassen, wo sich ihre Kinder aufhalten, dass sie diese unter Zwang festhalten und ihre Rückkehr verhindern. Russland hat keinerlei effizientes Verfahren eingerichtet, um für die Rückkehr der deportierten Kinder nach Hause zu sorgen. Stattdessen hat die Besatzungsmacht nach Auskunft der UNO sowie der ukrainischen Seite nicht nur versucht, die Kinder auf einen langen Aufenthalt in russischen Familien oder in Institutionen auf russischem Territorium einzustimmen, sondern sie auch systematisch ideologischer Propaganda ausgesetzt. Unter dem Vorwand so genannter kultureller Aufklärungsexkursionen werden Kinder aus den zeitweilig besetzten Gebieten im Rahmen des Projekts „Kulturkarte 4-85“, das vom russischen Kulturministerium initiiert wurde und von der staatlichen Organisation „Roskonzert“ umgesetzt wird, nach Russland gebracht. Formal wird dieses Projekt als „kulturelle Bekanntschaft mit Russland“ ausgegeben. In Wirklichkeit geht es jedoch um die Integration ukrainischer Kinder in den russischen soziokulturellen Raum. Man bearbeitet sie mit russischen historischen und kulturellen Narrativen und versucht, aus ihnen kreml-loyale neue Bürger zu machen. Im Nachrichtendienst des ukrainischen Verteidigungsministeriums (GUR) heißt es, dieses Vorgehen gehöre zur humanitären russischen Aggression, mit dem Ziel, die ukrainische nationale Identität auszulöschen und auf den besetzten Gebieten eine Generation von Kindern heranzuziehen, die sich mit dem staatlichen Aggressor identifizieren.
Insgesamt hat die ukrainische Regierung mit Stand Ende März 2023 über 19.500 Fälle von Deportationen oder Zwangsverschleppung von Kindern aus den derzeit besetzten Gebieten bestätigt. Diese Zahl wurde in staatliche Verzeichnisse eingetragen, nachdem Anträge seitens der Eltern, Verwandten, Zeugen und Vertretern der lokalen Regierung eingegangen und die Information durch bevollmächtigte Organe überprüft worden war. Im Register für Vermisste des Innenministeriums sind ungefähr 2.000 vermisste Kinder verzeichnet.
Nach Aussagen zurückgekehrter Kinder und den Ergebnissen internationaler und ukrainischer Untersuchungen geht es hier nicht nur um illegale Umsiedlungen, sondern um eine systematische Politik der Assimilation. Die Kinder werden gezwungen, russisch zu sprechen, die russische Nationalhymne zu singen und an propagandistischen und militärpatriotischen Veranstaltungen teilzunehmen. In Einzelfällen lernen sie auch, eine Waffe zu bedienen.
Eine besondere Methode in dieser Politik ist die Zwangsadoption ukrainischer Kinder in Russland. Die verschleppten Kinder werden in russische Datenbanken eingetragen, wo man sie als russische Bürger ausgibt, unter Abänderung der Personaldaten, insbesondere von Namen, Geburtsort und Geburtsdatum. Die russischen Gesetze wurden nachträglich geändert, um die Prozedur ihrer Vermittlung an Pflegeeltern und der späteren Adoption zu erleichtern. Anfangs kommen die Kinder für eine Zeitlang zu Pflegeeltern, dann erhalten sie die russische Staatsbürgerschaft, und damit steht der Weg zur endgültigen Adoption offen.
Diese Praxis erfolgt mit Unterstützung der obersten russischen Führung. Präsident Putin hat die Erlasse unterzeichnet, die die Naturalisierung ukrainischer Kinder vereinfachen. Außerdem hat er die Anweisung erteilt, ihre Umsiedlung zu erleichtern. Aus diesem Grund stellte der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) am 17. März 2023 einen Haftbefehl gegen Putin und die Kinderrechtsbeauftragte Marija Lvova-Belova aus wegen des Verdachts, für die illegalen Deportationen und Umsiedlungen ukrainischer Kinder verantwortlich zu sein.
Die internationale Gemeinschaft hat dieses Vorgehen wiederholt verurteilt. Am 5. April 2023 haben sich 49 Länder auf einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats mit einer gemeinsamen Erklärung gegen Versuche Russlands gewandt, die Deportation der Kinder zu rechtfertigen.
Der Prozess der Rückführung der Kinder bleibt kompliziert und langwierig. Beim Generalstaatsanwalt der Ukraine heißt es, dass es bis heute keine einheitliche Vorgehensweise und kein Regelwerk gibt, das es ermöglicht, die nach Russland deportierten ukrainischen Kinder zurückzuholen. Nach den Worten von Julia Usenko, der Leiterin der Abteilung für Kinderrechte und zur Bekämpfung von Gewalt beim Generalstaatsanwalt, ist jede solche Rückkehr eine eigene Geschichte, die ein individuelles Vorgehen und ein Zusammenspiel von Familien, Staatsorganen, Diplomaten und internationalen Organisationen erfordert. Sie betonte, dass selbst beim Vorliegen Tausender bestätigter Deportationen nur bei einem geringen Teil eine Rückkehr der Kinder erreicht werden konnte. Hinter jeder einzelnen Zahl stehe das Schicksal eines konkreten Kindes und seiner Familie. Die Rückführungen dauern oft mehrere Monate. Bei Waisenkindern ist die Situation noch schwieriger, da Russland nach Aussage der Vertreterin des Staatsanwaltsbüros nicht zu einem konstruktiven Dialog über ihre Rückkehr bereit ist.
Nach Aussage von Präsident Selenskyj ist es bis zum 17. Februar 2026 gelungen, etwa 2.000 ukrainischer Kinder zurückzuholen, die in den zeitweilig besetzten Gebieten festgehalten wurden oder nach Russland verschleppt worden waren. Dies wurde insbesondere im Rahmen der Initiative „Bring Kids Back UA“ erreicht, in der staatliche Bemühungen sowie die von gesellschaftlichen Organisationen und internationalen Partnern zusammenwirken.