Abgeschnitten vom „großen Land“

Hunderte von Menschen in der Kampfzone im Gebiet Charkiv sind täglich starkem russischem Beschuss ausgesetzt. Die Evakuierung Einheimischer ist schwierig und manchmal nahezu unmöglich.
Serhij Okunjev 08. April 2026UA DE EN ES FR RU

Борова, 2024 рік, @ Cергій Окунєв

Borova 2024, @ Serhij Okunjev

Im zweiten Halbjahr 2025 und im Frühjahr 2026 haben die russischen Truppen den Druck auf das Territorium am linken Ufer des Oskil im Gebiet Charkiv verstärkt. Der Feind greift ununterbrochen gleichzeitig in mehreren Orten an und vernichtet vor allem vollständig die Logistik. Die Brücken über den Oskil wurden noch während des Abzugs der Russen im Herbst 2022 zerstört. Danach richteten die Verteidigungskräfte etliche Flusspassagen ein, die der Feind ebenfalls gezielt zerstörte.

Später wurde es mit der Entwicklung der Drohnen und der Feuerkontrolle praktisch unmöglich, große Flusspassagen unter Beteiligung von mehreren Dutzend Personen und mit schwerer Technik zu errichten. Im Frühjahr 2026 mussten sich zahlreiche ukrainische Soldaten vom „großen Land“ auf dem rechten Ufer über den Fluss zum Kampfgebiet auf dem linken Ufer durchschlagen, und sie mussten dies zu Fuß tun oder sogar schwimmen.

Abgesehen von ukrainischen Verteidigern befinden sich auf dem linken Ufer auch etliche Zivilisten. In Ortschaften wie Borova, Kivscharivka und Kupjansk-Vuslovyj sind bis jetzt noch Einwohner verblieben. Die Städte werden täglich heftig beschossen. Eine organisierte Evakuierung ist praktisch unmöglich, da man den Fluss überqueren müsste, und außerdem wegen der russischen Drohnenangriffe, die selbst Evakuierungsfahrzeuge nicht verschonen.

Der Journalist Serhij Okunjev, der mehrfach am linken Oskil-Ufer gearbeitet und an Evakuierungsmissionen teilgenommen hat, analysiert die aktuelle Situation dort und berichtet von den äußerst schwierigen Bedingungen für die Rettung von Zivilisten im Jahre 2026.

Vernichtung aus Verzweiflung. Russen scheitern bei reihenweisen Angriffen auf Borova

Vor der Vollinvasion bezeichneten die Einheimischen ihr Dorf Borova ironisch als „Kurort“. Das Flussufer war vom zentralen Ortsteil schnell fußläufig erreichbar, in der Nähe des Ufers gab es Cafés und einen beliebten Angelplatz. In den ersten Wochen der Vollinvasion kam Borova unter Besatzung, die bis zum 3. Oktober andauerte. Damals befreiten die Streitkräfte nicht nur den Ort selbst, sondern auch einen Großteil des Gebiets auf dem linken Oskil-Ufer. Nach unterschiedlichen Schätzungen befanden sich von fünf— bis sechstausend Personen der Vorkriegsbevölkerung ungefähr 2.000 Einwohner unter Besatzung.

Als dann die russischen Okkupanten eine Mobilisierung und Umgruppierung der Streitkräfte vornahmen, verschlechterte sich die Situation am linken Ufer langsam, aber stetig. Im Frühjahr 2024 wurde der Plan des Feindes bekannt, mit einem schnellen und heftigen Angriff Borova selbst und große Gebiete in der Umgebung einzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt wurde die 3. separate Sturmbrigade der ukrainischen Streitkräfte, eine ihrer kampffähigsten Einheiten, dorthin verlegt.

Vom Sommer 2024 bis zum Frühjahr 2026 stürmten die Russen Borova in vielen großen Angriffswellen. Der schnelle und kräftige Vorstoß im Jahre 2024 scheiterte und endete für die Besatzer mit einem vollständigen Desaster. Allerdings gaben die Russen das Ziel nicht auf, den Ort zu besetzen, und wiederholten ähnliche Versuche in den nächsten anderthalb Jahren fast jedes Vierteljahr. Obwohl Borova bisher nicht eingenommen wurde und im Ort selbst keine Kämpfe stattfinden, ist es den Besatzern gelungen, Borova zwar nicht zu besetzen, aber vollständig zu zerstören.

Борова, 2024 рік, @ Cергій Окунєв

Borova 2024, @ Serhij Okunjev

Von mehreren tausend Einwohnern sind in Borova mit Stand vom März 2026 ungefähr 206 Personen verblieben, wie die Stellvertretende Bürgermeisterin Olena Klimenko in einem Kommentar für „Gvara Media“ mitteilte. Die Evakuierung aus Borova ist äußert schwierig. Zivile Evakuierungsgruppen, die früher aktiv in diesem Teil der Front gearbeitet hatten, können praktisch nicht mehr auf das linke Ufer gelangen.

Das Hauptproblem ist, dass es keine Übergänge gibt. Obwohl Borova fast direkt am Oskil liegt, kann man das andere Ufer, das „große Land“, nur schwimmend oder auf Booten erreichen. Russische Drohnen kontrollieren bis zu 20 Kilometer des Gebiets ab der Frontlinie, und von Borova zu den ersten russischen Positionen sind es nur fünf Kilometer. Boote auf dem Fluss sind ein rotes Tuch für die russischen Drohnenpiloten.

Soldaten in diesem Frontabschnitt, mit denen wir sprechen konnten, sagen, dass auch Menschen beim Versuch, vom linken Ufer über den Oskil aufs „große Land“ zu gelangen, ertrunken sind. Offizielle Stellen haben darüber nichts mitgeteilt; und wenn es solche Fälle gegeben hat, dann waren es Einzelfälle. Allerdings ist eine Rettung aus Borova zurzeit in jedem Fall extrem schwierig, und in Zukunft wird sie wahrscheinlich ganz unmöglich.

Переправа на лівий берег. 2024 рік. зараз — повністю знищена

Übergang zum linken Ufer 2024, jetzt ist er völlig zerstört

Знищений міст через Оскіл. 2023

Zerstörte Brücke über den Oskil, 2023

Versuch einer Revanche. Nach ihrem Scheitern in Kupjansk versuchen die Russen einen Durchbruch in der näheren Umgebung

Im Winter 2025-2026 gewannen die Verteidigungskräfte die Kontrolle über die strategisch wichtige Stadt Kupjansk zurück. Das geschah buchstäblich einige Wochen, nachdem der russische Diktator offiziell erklärt hatte, die Stadt unter voller Kontrolle zu haben. Später, als ukrainische Truppen bereits ein Foto veröffentlicht und Fahnen über mehreren Bezirken des befreiten Kupjansk aufgenommen hatten, wiederholten russische Propagandisten und ranghohe Politiker immer noch die Behauptung von ihrer vollständigen Kontrolle.

Nach dem Verlust von Kupjansk, kritischer Verluste und einer teilweisen Einkesselung ihrer Kräfte beschlossen die Russen, eine Revanche zu versuchen. Sie erhöhten den Druck auf das Gebiet südwestlich von Kupjansk auf dem linken Oskil-Ufer. Dort liegen mehrere Ortschaften, in erster Linie Kupjansk-Voslovyj, Kivscharivka und das Dorf Podoly.

Ende Januar 2026 verkündete der russische Generalstabschef Gerassimov vor dem Hintergrund der Blamage mit dem Verlust von Kupjansk unerwartet die Einnahme von Kupjansk-Voslovyj. Selbst die Lügen gewohnte russische Propaganda wunderte sich öffentlich über diese Erklärung, da absolut sämtliche OSINT-Projekte die russischen Truppen noch zehn Kilometer von der Stadt entfernt verzeichneten, wo sie bereits viele Monate ohne Bewegung verweilten. An den Tagen, an denen der russische Kriegsverbrecher die Einnahme von Kupjansk-Vuslovyj bekanntgab, zeichneten ukrainische Truppen ein scherzhaftes Video vom Zentrum des Orts auf, wo nicht einmal Kämpfe stattfanden.

Anders als die verlogenen Erklärungen ist es zutreffend, dass der Druck zunimmt. Im März wollten russische Sturmeinheiten bis nach Kivschariv vordringen. Das war seinerzeit eine recht große ukrainische stadtähnliche Siedlung mit einer Bevölkerung von ca. 17.000 Einwohnern.

Das Bild in der Umgebung dieses Geländes am linken Ufer gleicht der Situation in Borova. Die Russen haben alle wesentlichen Übergänge über den Fluss Oskil vernichtet. Auf dem linken Ufer, in Kivschariv, Kupjansk-Vuslovyj und anderen Ortschaften sind Hunderte von Zivilisten verblieben. Wenn man sich zum „großen Land“ begeben will, muss man den Fluss zu Fuß durchwaten oder schwimmen, und das unter intensivem Beschuss und Drohnenangriffen, die sich nicht an Zielen orientieren, sondern beliebig angreifen, sobald sich die erste Möglichkeit bietet.

Лівий берег після контрнаступу 2022

Das linke Ufer nach dem Gegenangriff, 2022

Лівий берег 2026

Das linke Ufer im Jahre 2026

Wie läuft heute die Rettung von Zivilisten vom linken Ufer ab?

Ende Februar 2026 haben Soldaten der 33. separaten mechanisierten Brigade ein Video von einer ganzen Spezialoperation zur Rettung einer zivilen Familie aus einer Region auf dem linken Oskil-Ufer publiziert.

„Wir haben entdeckt, dass sich dort Zivilisten mit minderjährigen Kindern und verletzten Personen aufhalten, die unsere Hilfe benötigen, und haben ihre Evakuierung organisiert. Unter den Evakuierten ist eine Mutter, die 1992 geboren ist, die einen Wirbelsäulenbruch mit geschädigtem Rückgrat hatte. Die Evakuierung war schwierig, da sie liegend transportiert werden musste. Die Frau hatte erhebliche Verbrennungen im Gesicht und teilweise ihre Sehfähigkeit verloren. Das kleinste Kind war sieben Jahre alt, es hatte vor allem ein psychisches Trauma und eine leichte Gehirnerschütterung“, wie die Brigade der Redaktion von „Armija Inform“ mitteilte.

Im Laufe der Evakuierung aufs rechte Oskil-Ufer in eine sichere Zone gelang es, fünf lokale Zivilisten über den Fluss zu bringen — zwei erwachsene Frauen und drei ihrer Kinder. Für ihre Rettung wurden gepanzerte Fahrzeuge und Boote eingesetzt. Dies musste nachts geschehen, unter ständiger Bedrohung durch feindliche Drohnenangriffe. 2026 erfordert schon die Rettung von nur fünf Menschen vom linken Ufer eine detaillierte Planung und eine Mobilisierung von Kräften, die eher an eine Spezialoperation denken lassen.

Später wurde bekannt, dass die gerettete Familie offiziell fast ein Jahr lang gesucht worden war.

Евакуація з лівого берега у 2024 року

Evakuierung vom linken Ufer im Jahre 2024

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