Ein Trainingsplatz für Verbrechen

So sieht das Leben in Nikopol aus, einer Stadt, die die russischen Besatzer zu einem Trainingsplatz für Drohnenpiloten gemacht haben.
Serhij Okunjev04. März 2026UA DE EN FR RU

Нікополь, @ Cергій Окунєв

Nikopol, @ Serhij Okunjev

Vor der Vollinvasion lebten in Nikopol mehr als 100.000 Einwohner. Die Stadt grenzt an den Dnipro und war ein Kurort. Das AKW von Zaporizhzhia war in einer halben Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Heute findet sich Nikopol unmittelbar an der Frontlinie, die Front verläuft den Fluss entlang, und die feindlichen Positionen auf dem linken Dnipro-Ufer liegen nur drei bis fünf Kilometer von der Stadt entfernt.

In den Jahren 2025-2026 wurde der Begriff „Killzone“ auch außerhalb von Militärkreisen bekannt. Durch die Entwicklung der Angriffs— und Aufklärungsdrohnen sowie durch eine Reduzierung ihrer Kosten, wurde das Territorium bis zu 20 Kilometer von der Frontlinie zu einer sehr gefährlichen Zone, wo feindliche FPV-Drohnen fast alles attackieren, was in ihr Blickfeld gerät.

Нікополь, @ Cергій Окунєв

Nikopol, @ Serhij Okunjev

Das gesamte Gebiet von Nikopol, einer großen Stadt mit Wohnvierteln aus Mehrfamilienhäusern, befindet sich jetzt nicht nur in der Reichweite russischer FPV-Drohnen, sondern auch der Artillerie. Grenzbezirke können sogar mit Granatwerfern beschossen werden. Die täglichen Berichte der Stadtbehörden verzeichnen täglich mehrere Dutzend, ja häufig sogar über hundert solcher Angriffe.

Es ist ein besonderer Zynismus, dass die russischen Besatzer Nikopol als Trainingsplatz für Drohnenpiloten nutzen. Recherchen von Journalisten und Informationen der ukrainischen Nachrichtendienste behaupten, dass sich selbst auf dem Gelände des AKW von Zaporizhzhia Übungszentren befinden. Die Besatzer nutzen somit ein Objekt von höchstem Risiko als Schutz für ihre eigenen Piloten, wohl wissend, dass die ukrainischen Streitkräfte keine massiven Schläge gegen das AKW-Gelände ausführen können.

Нікополь, @ Cергій Окунєв

Nikopol, @ Serhij Okunjev

Ein durchschnittlicher Beobachter mag sich wundern, dass die Russen ihre eigenen Untaten nicht einmal verbergen. Zum Beispiel hat am 15. Februar ein russischer Neonazi, der ehemalige Direktor von Roskosmos und Leiter der Kampfgruppe „Zarenwölfe“, Dmitrij Rogosin, in seinem Telegram-Kanal ein Video veröffentlicht, das russische Drohnen bei einem Angriff auf Nikopol zeigt. Rogosin sagt ausdrücklich, dass das ein „Examen“ für eines der Drohnen-Trainingszentren der Besatzer ist. Auf dem Video wird der Schlag gegen ein ziviles Gebäude festgehalten, ohne die geringsten Anzeichen dafür, dass sich Soldaten dort aufhielten. Rogosin behauptet indes, dass das „Examen abgelegt“ wurde.

Etliche andere Telegram-Kanäle, die mit der russischen Propaganda oder Truppenabteilungen der Russischen Föderation zusammenhängen, haben ebenfalls Aufnahmen mit Angriffen auf Nikopol veröffentlicht und diese Stadt als „Trainingsplatz“ bezeichnet.

Trotz täglicher Drohnenattacken und Artilleriebeschüsse sowie Angriffen durch Lenkbomben führt das Zentrum von Nikopol weiterhin ein aktives Leben. Der öffentliche Verkehr funktioniert, Cafés und Restaurants sind geöffnet, und in den Hauptstraßen sind Menschenschlangen zu sehen, obwohl in ihrer Nähe Lautsprecher eine „Bedrohung durch Artilleriebeschuss“ verkünden. Offensichtlich haben sich die Menschen in vier Jahren an ein Leben selbst unter solchen Bedingungen gewöhnt.

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Nikopol, @ Serhij Okunjev

Ein ganz anderes Bild zeigt sich in Bezirken, die näher am Fluss und damit auch näher am gegenüberliegenden, besetzten Ufer gelegen sind. Hier ist es nicht nur problematisch, Verkehrsmittel zu benutzen, sondern selbst als Fußgänger unterwegs zu sein. Historische Gebäude und Privatbezirke, die früher an schönen Stränden lagen, sind jetzt Beobachtungen zufolge zu 70-80% zerstört. Gerade diese Küstenregionen der Stadt sind die gefährlichsten. Bei intensiven Angriffen, die gewöhnlich bei schönem Sonnenwetter durchgeführt werden, können nicht einmal Rettungsfahrzeuge dorthin fahren.

Нікополь, @ Cергій Окунєв

Nikopol, @ Serhij Okunjev

Durch die Nähe zu feindlichen Positionen können russische Drohnen diese Bezirke sehr schnell erreichen. Sie zu erkennen und rechtzeitig zu reagieren ist fast unmöglich. Bei Artilleriebeschuss ist es noch schlimmer. Während man gewöhnlich das typische Geräusch des Schusses hören kann, was die Truppen als „Ausgang“ bezeichnen, nach dem dann noch einige Sekunden oder Minuten bis zum Einschlag verbleiben, je nach der Entfernung der Waffe vom Zielpunkt, können dagegen in den Küstenregionen von Nikopol das Geräusch des „Ausgangs“ und der Einschlag gleichzeitig oder in einem Abstand von ein bis drei Sekunden erfolgen. Das macht es fast unmöglich, auf die Gefahr zu reagieren oder einen Schutzraum aufzusuchen.

Unter diesen Bedingungen wohnen in einer der gefährlichsten Regionen der gesamten Ukraine bis heute viele Menschen. Die Behörden fordern sie dazu auf, sich in weniger gefährdete Regionen der Stadt zu begeben, aber die Menschen glauben, dass die Bedingungen für eine Evakuierung und die soziale Unterstützung durch die Behörden nicht ausreichen, weshalb sie in den gefährdeten Regionen verbleiben. Die Polizeiabteilungen „Weiße Engel“ führen ganze Spezialoperationen durch, um jene zu erreichen, die sich dennoch zur Evakuierung entschlossen haben. Russische Drohnen richten Angriffe gegen jegliche Ziele, insbesondere auch gegen Evakuierungsfahrzeuge. Menschen aus den genannten Regionen zu retten wird immer gefährlicher.

Нікополь, @ Cергій Окунєв

Nikopol, @ Serhij Okunjev

Außer offensichtlichen Bedrohungen — Beschuss und Drohnen — bestehen in den Küstenregionen auch große Probleme hinsichtlich kommunaler Dienstleistungen. Der Feind greift regelmäßig Transformatoren und Stromverteilungsstationen an. Es kann vorkommen, dass es in einigen Häusern 10 bis 20 Tage keinen Strom gibt. Das liegt auch daran, dass der Feind Jagd auf die Reparaturbrigaden der Energieversorger macht. Die zivilen Angestellten, die die Stromversorgung, Gas und andere kommunale Dienstleistungen wieder instandsetzen, sind ebenso ein vorrangiges Ziel.

Allein im Winter 2025-2026 hat der Feind viele Male DTEK (Energieversorgungs)-Brigaden mit Drohnen beschossen, insbesondere ihre Transportfahrzeuge. Bei Reparaturarbeiten in der Küstenregion nicht mit feindlichen Drohnen konfrontiert zu werden, ist fast nicht möglich. Ebenso werden die Technik und die Mitarbeiter des Katastrophenschutzes, der Ersten Hilfe und anderer Dienste angegriffen.

Нікополь, @ Cергій Окунєв

Nikopol, @ Serhij Okunjev

Leider ist Nikopol nur eines von vielen Beispielen für die russische verbrecherische „Safari“-Taktik. Fast jeder kennt diese Taktik im Zusammenhang mit den russischen Angriffen auf Cherson. In dieser Stadt ist die Situation ähnlich: Die Front verläuft entlang des Dnipro, die feindlichen Positionen sind sehr nah, Drohnen und Artillerie der Besatzer greifen jede beliebige Person in der gesamten Stadt an.

„Safari“ ist ein offensichtliches Kriegsverbrechen. Außerdem geht es hier nicht einfach um einen Angriff auf ein Zivilobjekt oder einen Einwohner von Cherson oder Nikopol, es geht um die gesamte Taktik, Infrastruktur und Strategie, die die russische Armee entwickelt hat, um die Zivilbevölkerung mit Terror zu überziehen und friedliche Städte in „Geisterstädte“ zu verwandeln. Dabei ist zu betonen, dass seit 2023 weder in Cherson noch in Nikopol aktive Kampfhandlungen stattfinden, die ukrainischen Truppen greifen nicht an, und die Frontlinie ist stabil. Der Terror der Besatzungstruppen richtet sich allein gegen die Einwohner dieser Städte.

Нікополь, @ Cергій Окунєв

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