Jede zehnte ukrainische Schule erlitt Schäden durch den Krieg

Zum Stand Mitte April waren in der Datenbank der Initiative T4P (Tribunal für Putin) 2. 204 mutmaßliche Kriegsverbrechen verzeichnet, die Lehr- und Forschungseinrichtungen betrafen.
Mykola Komarovskyj19. Mai 2024UA DE EN ES FR RU

Черкаськолозівський ліцей. © ХПГ Черкассколозовской лицей. © ХПГ

Gymnasium in Tscherkaska Losova, Foto: Charkiver Menschenrechtsgruppe (ChMG)

Der russisch-ukrainische Krieg geht weiter, unsere Städte und Dörfer werden zerstört. Der Feind vernichtet unter anderem Schulen, Kindergärten und höhere Bildungseinrichtungen. Nach Auskunft des Regierungsportals saveschools.in.ua wurden 3.798 Bildungseinrichtungen durch Bombardements und Beschuss beschädigt, 365 davon völlig zerstört. In der T4P-Datenbank verzeichnen wir die Beschädigungen und Zerstörungen von Instituten der Wissenschaft und Bildung ebenso wie andere widerrechtliche Maßnahmen, die diesen Bereich betreffen. Nachfolgend finden Sie einen Überblick über unsere diesbezüglichen Informationen.

Gesamtstatistik

Mitte April waren in unserer Datenbank 2.204 Vorfälle verzeichnet, die sich auf Institutionen der Wissenschaft und Bildung bezogen.

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© Serhij Prytkin

Wie aus der Gesamtstatistik zu ersehen ist, betrafen die meisten Vorfälle frontnahe Gebiete. Zudem ist die Situation der Bildungseinrichtungen in Ortschaften, in denen es zu intensiven Kampfhandlungen gekommen ist, schlichtweg katastrophal.

Schulische Einrichtungen

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© Serhij Prytkin

Von den meisten in der T4P-Datenbank erfassten Zerstörungen und Beschädigungen von Lehreinrichtungen sind Schulen betroffen. Es handelt sich um mindestens 1.253 Vorfälle. Wenn man berücksichtigt, dass derzeit in der Ukraine 12.604 solcher Einrichtungen in Betrieb sind, kann man sagen, dass jede zehnte ukrainische Schule beschädigt wurde.

In einigen Städten, in denen es zu intensiven Kampfhandlungen gekommen ist, wurden fast alle Schulen zerstört. Wir haben früher bereits darauf hingewiesen, dass in Mariupol 83% der Schulen beschädigt wurden.

Ein weiteres Beispiel ist die besetzte Stadt Bachmut. Vor Beginn der Großinvasion lebten dort über 70.000 Menschen. Der Einheitlichen staatlichen Datenbank für Bildungsstätten zufolge gab es in Bachmut 13 Schulen. Der T4P-Datenbank zufolge wurden dort bis heute mindestens neun schulische Einrichtungen zerstört oder schwer beschädigt.

So sieht z. B. das multidisziplinäre Gymnasium Nr. 11. aus. Diese Bildungseinrichtung war die älteste in der Stadt, sie wurde noch zu Zeiten des Russischen Imperiums im Jahre 1911 erbaut.

Бахмутський навчально-виховний комплекс №1. Фото: Олексій Рева / Facebook Бахмутский учебно-воспитательный комплекс №1. Фото: Алексей Рева / Facebook

Lehr- und Erziehungseinrichtung in Bachmut. Foto: Oleksij Reva / Facebook

Zerstört wurde auch das historische Gebäude einer anderen Lehreinrichtung — die Bachmuter Kunstschule. Sie befand sich in Gebäuden, die zwischen 1896 und 1912 entstanden waren.

Бахмутська школа мистецтв №1. Фото: Платформа “Свій дім” Бахмутская школа искусств №1. Фото: Платформа “Свой дом”

Bachmuter Kunstschule Nr. 1. Foto: Plattform „Mein Haus“

Somit lässt sich festhalten, dass in Bachmut fast alle Lehranstalten verloren sind. Selbst nach einer potentiellen Befreiung der Stadt wird es erheblicher Ressourcen bedürfen und viel Zeit erfordern, um auch nur einen Teil der zerstörten Gebäude wiederherzustellen. Wenn man bedenkt, dass in der Stadt auch der Wohnraum stark beschädigt wurde, wird die Bevölkerung der Stadt schwerlich wieder das Vorkriegs-Niveau erreichen. Das wird die Wiederherstellung der schulischen Einrichtungen zusätzlich erschweren.

In der Nacht des 16. Oktober 2022 führten die russischen Streitkräfte einen Raketenangriff auf eine Schule in der Gemeinde von Huljajpole im Gebiet Zaporizhzhia durch. Die Druckwelle schlug fast alle Fenster aus sowie die Fassade und das Dach. Das Personal konnte einen Teil der Möbel und die Bibliothek retten. Die Schule war die einzige im ganzen Dorf, sie wurde von mehr als hundert einheimischen Kindern besucht.

Зруйнована школа на Гуляйполі. Фото: Олександр Старух / Telegram Разрушенная школа на Гуляйполе. Фото: Александр Старух / Telegram

Zerstörte Schule in Huljajpole. Foto: Oleksandr Staruch / Telegram

Im Sommer 2022 attackierten die russischen Truppen eine Elite-Schule in der Gemeinde Esman im Gebiet Sumy. Wie auf dem Foto zu ersehen, wurde die Einrichtung erheblich beschädigt.

Опорна школа в Есманській громаді. Фото: Дмитро Живицький / Сумська ОВА / Telegram Опорная школа в Эсманской общине. Фото: Дмитрий Живицкий / Сумская ОВА / Telegram

Elite-Schule in der Gemeinde Esman. Foto: Dmytro Zhyvyzkyj / Militärverwaltung Sumy / Telegram

Am 2. Januar 2024 wurde durch einen der häufigen Angriffe auf Charkiv aus S-300-Raketen die Schule Nr. 35 im Bezirk Osnovjanskyj zerstört.

Харківська гімназія № 35. Фото: Суспільне.Новини Харьковская гимназия № 35. Фото: Общественное.Новости

Charkiver Gymnasium Nr. 35. Foto: Suspilne. Nachrichten

In Regionen, die weiter von der Front entfernt liegen, wurden Lehrinstitutionen durch Raketen— oder Drohnenangriffe beschädigt oder zerstört.

So kamen bei einem Raketenangriff auf Lviv am 6. Juli 2023 zwei kommunale Kindereinrichtungen zu Schaden — ein Waisenhaus und eine Ausbildungsstätte für Pflegekräfte. Nach vorläufigen Schätzungen beläuft sich der Schaden auf mehrere hunderttausend Hryvna.

Фото: Львівська обласна рада / Facebook Фото: Львовский областной совет / Facebook

Foto: Gebietsrat Lviv / Facebook

Die Druckwelle infolge eines Raketenangriffs durch russische Truppen auf eine Ortschaft im Gebiet Rivne beschädigte das dortige Gymnasium.

Фото: Суспільне.Рівне Фото: Общественное. Ровно

Foto: Suspilne. Rivne

Die Situation der Bildungseinrichtungen in Regionen, die weiter von der Front entfernt sind, scheint zwar weniger problematisch, aber dennoch wiesen Journalisten darauf hin, dass es in einem Fall recht lange dauerte, bis eine Schule in einer der westlichen Gemeinden wiederinstandgesetzt werden konnte. Es handelt sich um eine Schule in Velykyj Zholudsk im Gebiet Rivne. Sie wurde bereits in den ersten Tagen der Großinvasion von Trümmern einer russischen Drohne beschädigt. Im Laufe von neun Monaten wurde die Schule nicht vollständig repariert, obwohl ihre Mitarbeiter einen Teil der Folgen in Eigenregie hatten beheben können.

Фото: Володимирець.City Фото: Владимирец.City

Foto: Volodymyrez. City

Kindergärten

In der Datenbank sind mindestens 300 Vorfälle verzeichnet, die Schäden vorschulischer Lehreinrichtungen betreffen.

Im Februar dieses Jahres wurde durch einen Angriff auf die Ortschaft New York im Gebiet Donezk durch FAB-500-Bomben ein Kindergarten zerstört.

Фото: Національна поліція України Фото: Национальная полиция Украины

Foto: Nationale Polizei der Ukraine

Am 24. Mai 2023 schlug eine gelenkte Bombe russischer Truppen in den Kindergarten in der Gemeinde Junakivka im Gebiet Sumy ein. Nach Aussage des Direktors des Kindergartens kann das Gebäude nicht wiederhergestellt werden.

Фото: Суспільне.Суми Фото: Общественное. Сумы

Foto: Suspilne. Sumy

Höhere Bildungseinrichtungen

Die T4P-Datenbank hat mindestens 154 Fälle von Zerstörungen oder Beschädigungen höherer Bildungseinrichtungen erfasst.

In Mykolajiv wurde die nationale Petro-Mohyla-Universität der Schwarzmeer-Region mehrfach von russischen Truppen ins Visier genommen. Am 19. August 2022 wurde das Hauptgebäude durch zwei Raketen zerstört.

Чорноморський національний університет імені Петра Могили. Фото: Суспільне.Миколаїв Чорноморський національний університет імені Петра Могили. Фото: Суспільне.Миколаїв Черноморский национальный университет имени Петра Могилы. Фото: Общественное. Николаев

Nationale Petro-Mohyla-Universität der Schwarzmeer-Region. Foto: Suspilne. Mykolajiv

Am 25. März 2024 führten russische Truppen einen Raketenangriff auf Kyjiv durch. Die Kyjiver staatliche Mychajlo-Bojtschuk-Akademie für angewandte Kunst und Design wurde beschädigt, ein Teil des Gebäudes ist völlig zerstört.

Київська державна академія декоративно-прикладного мистецтва і дизайну імені Михайла Бойчука. Фото: Факти Киевская государственная академия декоративно-прикладного искусства и дизайна имени Бойчука. Фото: Факты

Kyjiver staatliche Mychajlo-Bojtschuk-Akademie für angewandte Kunst und Design. Foto: Fakty

Die Situation mit höheren Bildungseinrichtungen ist in Regionen, in denen es zu aktiven Kampfhandlungen kommt, oder in den besetzen Regionen ebenfalls besonders schwierig.

Obwohl sich Hochschulen, anders als Schulen und Kindergärten, in andere, weniger gefährliche Regionen begeben können, ist hier doch nicht davon auszugehen, dass in diesen verlegten Universitäten eine vollwertige Arbeit möglich wäre.

Nach Auskunft von Vertretern des ukrainischen Ministeriums für Bildung und Wissenschaft ist es auch bei einer Verlegung dieser Institutionen nicht möglich, die Arbeit auf dem Vorkriegs-Niveau fortzusetzen. Oleh Scharov, Generaldirektor des Leitungsgremiums für Berufsausbildung und Hochschulbildung, sagte zu den Verlusten verlegter Hochschulen: „Natürlich sind diese Verluste kritisch. Inzwischen sind 44 höhere Bildungseinrichtungen umgezogen von etwa 300. Das ist viel. Obwohl es relativ wenig ist, wenn man die Zahl der Studenten nimmt. Denn die Hochschulen von Charkiv, Zaporizhzhia und Dnipro waren nicht betroffen. Sie sind an ihren Standorten verblieben.“ Nach seinen Worten sind 7-8% der Studenten an Universitäten und Hochschulen, die umziehen mussten.

Andere Bildungsobjekte

Zu dieser Kategorie zählen wir in dieser Publikation Bibliotheken, Kinderzentren für Kunst, sportliche Einrichtungen, wissenschaftliche Forschungsinstitute.

Mindestens 20 Vorfälle in der T4P-Datenbank betreffen Schäden an Bibliotheken.

Am 30. Oktober 2023 wurde durch Beschuss die universale wissenschaftliche Hontschar-Bibliothek des Gebiets Cherson beschädigt.

Херсонська обласна універсальна наукова бібліотека імені Олеся Гончара. Фото: Херсонська ОДА (ОВА) / Telegram Bibliothèque scientifique universelle régionale de Kherson Oles Hontchar. Photo : Administration régionale militaire / Telegram Херсонская областная универсальная научная библиотека им. Олеся Гончара. Фото: Херсонская ОГА (ОВА) / Telegram

Universale wissenschaftliche Oles-Hontschar-Bibliothek des Gebiets Cherson. Foto: Stadtverwaltung (Militärverwaltung) Cherson / Telegram

Während des Sturms auf die Stadt Lyman 2022 zerstörten russische Truppen Teile der modernen Radsportbasis, die im Herbst 2021 eröffnet worden war. Dies teilte der damalige Leiter der Militärverwaltung des Gebiets Donezk, Pavlo Kyrylenko, mit.

Nach den Worten des Gouverneurs war das Radsportzentrum mit einer spezialisierten Bicycle Moto eXtreme-Strecke für die Ukraine einzigartig. Dort waren internationale und nationale Meisterschaften geplant.

Фото: Павло Кириленко / Голова АМКУ / Telegram Фото: Павел Кириленко / Глава АМКУ / Telegram

Foto: Pavlo Kyrylenko / Leiter des Komitees gegen Monopole der Ukraine (AMKU) / Telegram

Während der Besetzung des Gebiets Charkiv im Jahre 2022 plünderten und beschädigten russische Militärs das bedeutende radioastronomische S. J. Braude-Observatorium.

Wie Oleksandr Konovalenko, Mitglied der ukrainischen Nationalen Akademie der Wissenschaften und Stellvertretende Direktor dieses Instituts, mitteilt, wurden 90% der Infrastruktur zerstört und geraubt. Der Schaden beläuft sich auf mehrere hundert Millionen Dollar.

© Ірина Скачко © Ирина Скачко

© Iryna Skatschko

Nicht Beschuss allein

Es sind Fälle bekannt, in denen Lehrinstitutionen in besetzten Gebieten von russischen Truppen zwar nicht zerstört wurden, aber in denen die Besatzungsverwaltung ukrainische Bücher beschlagnahmt und Lehrmaterial sowie Belletristik vernichtet hat.

Anfang Januar 2024 hat das so g. Bildungsministerium der „Volksrepublik Luhansk“ einen Befehl herausgegeben, der die gesamte Literatur und Anschauungsmaterialien in ukrainischer Sprache für „unzulässig“ erklärt und die Entfernung dieser Bücher aus allen Lehreinrichtungen des Gebiets Luhansk anordnet.

Фото: Східний / Telegram Фото: Восточный / Telegram

Foto: Schidnyj / Telegram

Der Bürgermeister von Enerhodar berichtete bereits 2022 davon, dass ukrainische Literatur eliminiert werde. Er beschreibt die Vernichtung ukrainischer Literatur in Bibliotheken sowie die Beseitigung von Geschichtslehrbüchern.

Man kann mit Sicherheit sagen, dass solche Maßnahmen eine Bestätigung dafür sind, dass die Politik Russlands auf eine Ausrottung der ukrainischen Sprache in den besetzten Gebieten hinausläuft und ein Bildungssystem etablieren will, das im Unterricht ausschließlich die „russische Version der Geschichte“ vermittelt.

Rechtliche Einordnung

Das Römische Statut sieht eine Verantwortung „für vorsätzliche Angriffe auf Gebäude, die dem Gottesdienst, der Erziehung, der Kunst, der Wissenschaft oder der Wohltätigkeit gewidmet sind, auf geschichtliche Denkmäler, Krankenhäuser und Sammelplätze für Kranke und Verwundete, sofern es nicht militärische Ziele sind“, vor (Art. 8, 2b, IX).

Die Zerstörungen (Beschädigungen) von Lehreinrichtungen fallen also unter diesen Artikel, wenn die beiden folgenden Bedingungen erfüllt sind:

  1. Der Angriff muss sich vorsätzlich gegen Lehreinrichtungen richten. Das bedeutet, dass der Soldat den Angriff bewusst ausführt und sich darüber im Klaren ist, dass durch seine Handlungen ein konkretes Gebäude beschädigt wird, dass für Bildungszwecke vorgesehen ist;
  2. Diese Einrichtung darf kein militärisches Ziel sein. Manchmal werden Schulgebäude und Bildungseinrichtungen von Soldaten für ihre Zwecke genutzt. In diesem Fall kann ein Angriff auf das Gelände dieser Einrichtung nicht als Kriegsverbrechen qualifiziert werden.

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