Was steht hinter den russischen Angriffen auf die digitale Infrastruktur

Von Fernsehtürmen zu Rechenzentren: Änderungen bei den russischen Angriffen auf die Kommunikations-Infrastruktur
Angriffe auf die Infrastruktur, über die Ukrainer Online-Zugang haben und Informationen bekommen, setzten bereits in den ersten Tagen der Vollinvasion ein. Zunächst wurden vor allem Fernsehtürme, Basisstationen, Netze von Betreibern und Internet-Providern ins Visier genommen.
Am 1. März 2022 griffen die russischen Streitkräfte den Kyjiver Fernsehturm an. Fünf Personen wurden getötet, fünf weitere verletzt und Fernsehübertragungen teilweise zeitweilig eingestellt. Russland hatte vor dem Angriff öffentlich seine Absicht bekundet, Informationsplattformen in Kyjiv anzugreifen. Ukrainischen Ermittler identifizierten später die russischen Kommandeure, die ihrer Meinung nach in die Planung dieses Angriffs involviert waren.
Zwei Wochen später, am 14. März 2022, schlugen zwei Raketen in den Fernsehturm und Verwaltungsgebäude in Antopol im Gebiet Rivne ein. Bereits am nächsten Tag sprach die Regierung von mindestens 20 Todesopfern. Gleichzeitig wurde die Arbeit von Internet-Providern in Kyjiv, Charkiv, Cherson, Sjevjerodonezk und anderen Städten beeinträchtigt. Z. B. fiel im März 2022 nach russischem Beschuss in Kyijv die Verbindung beim Provider Uacity teilweise aus. In Charkiv und Cherson kam es zu massenhaften Internet-Ausfällen.
Im Mai 2023 gab das Digitalisierungs-Ministerium bekannt, dass Russland etwa ein Viertel aller Internet-Netze der Ukraine und über 3.000 Basis-Stationen für Mobilverbindung zerstört oder beschädigt habe. In den befreiten Gebieten fanden die Betreiber zerstörte oder gestohlene Ausrüstung, und Reparatur-Brigaden mussten unter Beschuss arbeiten. Am 8. Mai 2023 geriet in Stanislav im Gebiet Cherson ein Team des lokalen Providers unter Beschuss, das gerade dabei war, die Verbindung wiederherzustellen.
Auch 2024 griff Russland Objekte an, die Informationen übermitteln. Am 22. April zerstörte ein russischer Einschlag einen Teil des Charkiver Fernsehturms. Danach gab es Probleme beim digitalen Fernsehen in der Stadt. Am 6. Mai wurde der Fernsehturm in Bilopilja im Gebiet Sumy beschädigt. Russische Propagandaquellen veröffentlichen selbst ein Video von dem Angriff und nannten einen Mobilfunkmast als eines der betroffenen Ziele. Die Telekommunikation wurde auch 2025 beschädigt. Am 30. Oktober schlug eine russische Rakete in den Fernsehturm im Zentrum von Tschernihiv ein. Im November meldete die Militäradministration des Gebiets die Beschädigung eines Mobilfunkmasts im Gebiet Cherson, und im Gebiet Tschernihiv wurde ein Turm in Seminivka getroffen.
Nach dem Urteil der Weltbank, der Eurokommission, der UNO und der ukrainischen Regierung beliefen sich die direkten Verluste des Telekommunikationssektors und der digitalen Infrastruktur sowie der Medien Ende 2025 auf etwa 2,5 Milliarden Dollar. Am meisten betroffen waren die Gebiete Donezk, Zaporizhzhia, Cherson und Charkiv.
In der zweiten Septemberhälfte 2026 begannen die Russen mit Angriffen auf Rechenzentren und die Telekommunikationsinfrastruktur von Kyjiv. Einer der schwersten Schläge erfolgte am 23. September. Nach Angaben des Digitalisierungs-Ministeriums kam es durch Schäden an der Infrastruktur bei ungefähr 100.000 Haushalten in der Stadt und im Gebiet Kyjiv zu Problemen beim Internet-Zugang. Über Schäden an der Ausrüstung oder Ausfälle berichteten UTELS, “Pavutina”, MiroHost”, “Domonet”, KIEVNET, Fasut und andere Betreiber. Das Rechenzentrum des Kongress- und Ausstellungszentrums “Parkovij” war ebenfalls betroffen. Ein Teil der Provider ließ die Netze auf Ersatz-Domains umziehen und stellte die Verbindung schrittweise wieder her.
Das russische Verteidigungsministerium verhehlte dabei nicht, dass Rechenzentren zu den erklärten Angriffszielen gehörten. In Kyjiv seien zwei solcher Objekte angegriffen worden, die angeblich für die ukrainischen Streitkräfte genutzt würden. Der ukrainische Außenminister, Andrij Sybiha, wies dagegen auf die zivile Bedeutung dieser Infrastruktur hin: Mit ihrer Hilfe bekommen die Menschen Zugang zu Verbindung und aktuellen Nachrichten, insbesondere zu akuten Gefahren durch Raketen und Drohnen.
Am 25. September beschädigte ein russischer Angriff das Kyjiver Rechenzentrum “Datagrup”. Dem Unternehmen zufolge wurden keine Mitarbeiter verletzt. Die Kundendaten habe man retten können, aber die Dienstleistungen müssten von Ersatzstandorten aus erfolgen. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, dieses Objekt sei ein militärisches Ziel, da es angeblich nachrichtendienstliche Daten für die ukrainische Armee bearbeite und weitergebe. Unabhängige Bestätigungen für diese Aussage ließen sich aus offenen Quellen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Erklärung nicht beschaffen.
Am Tag darauf gab es zwei schwere Einschläge bei DC|COSMONOVA. Wie das Unternehmen mitteilte, wurde der Kyjiver Standort dreimal hintereinander von Drohnen angegriffen und durch die Attacke am 26. September endgültig außer Betrieb gesetzt. Die Schäden führten zu Ausfällen bei den Online-Diensten, zeitweilig setzten auch die Sendungen der ukrainischen Fernsehkanäle aus. Das Unternehmen gab bekannt, dass das physische Rechenzentrum in Kyjiv seine Arbeit nicht fortsetzen wird.
Am 27. September wurde der Standort von Kyivstar in Kyjiv beschädigt. Am selben Tag berichtete das russische Verteidigungsministerium von einem Angriff auf das Rechenzentrum von Vodafone Ukraine, was dieses Unternehmen jedoch bisher nicht öffentlich bestätigt hat. Und bereits am 30. September gab Moskau erneut einen Schlag gegen ein “Verbindungszentrum” in Kyjiv bekannt.
Wann ist ein Rechenzentrum ein militärisches Ziel?
Nach dem humanitären Völkerrecht steht ein Rechenzentrum, das für zivile Zwecke genutzt wird, unter dem gleichen Schutz wie jedes andere zivile Objekt. Es darf also nur dann angegriffen werden, wenn es die Kriterien für ein militärisches Ziel erfüllt. Artikel 52 des 1. Zusatzprotokolls der Genfer Konventionen nennt hierfür zwei Bedingungen: Die Objekte müssen “wirksam zu militärischen Handlungen beitragen und deren gänzliche oder teilweise Zerstörung, deren Inbesitznahme oder Neutralisierung unter den in dem betreffenden Zeitpunkt gegebenen Umständen einen eindeutigen militärischen Vorteil” darstellen. Beide Voraussetzungen müssen erfüllt sein.
Für Rechenzentren ist eine entsprechende Prüfung schwieriger als bei einem rein militärischen Objekt, weil sich auf demselben Standort Server für Banken, Medien, Internet-Provider, Privatunternehmen oder staatliche Einrichtungen befinden können sowie auch Ausrüstung, die militärisch genutzt wird. Aber das Vorhandensein eines staatlichen oder militärischen Dienstes macht dennoch nicht den gesamten Komplex zu einem legitimen Ziel. Es gilt zu klären, welche Funktion eine konkrete Einrichtung erfüllt. Ein Server für die Website einer staatlichen Institution oder eine gewöhnliche verwaltungstechnische Information wird nicht schon dadurch zu einem militärischen Ziel, dass er dem Staat gehört. Anders verhält es sich, wenn durch ihn nachrichtendienstliche Informationen übermittelt werden und militärische Kommunikation, Instruktion der Truppen oder andere Operationen unterstützt werden, die unmittelbar mit Kampfhandlungen zusammenhängen. Dann können die entsprechende Ausrüstung oder ein Teil des Rechenzentrums unter bestimmten Umständen die Kriterien für ein militärisches Ziels erfüllen.
Wenn nur ein einzelner Teil der jeweiligen Infrastruktur eine militärische Funktion ausführt, spielt das auch für die Auswahl des Ziels eine Rolle, denn man kann nicht automatisch davon ausgehen, dass eine militärische Nutzung einiger Server das gesamte Rechenzentrum zu einem Ziel macht. Eine Rolle spielt auch, wann das Objekt von Militärs genutzt wurde. Ausschlaggebend für die Beurteilung sind die Umstände zur Zeit der Attacke. Wenn die Ausrüstung früher eine militärische Funktion hatte, aber zur Zeit des Angriffs bereits nicht mehr so genutzt wurde, dann macht seine frühere Verwendung es nicht auf Dauer zu einem militärischen Ziel. Eben deshalb muss die Partei, die den Angriff plant, über aktuelle Informationen verfügen und prüfen, ob das Objekt nach wie vor von militärischer Bedeutung ist. Artikel 57 des 1. Zusatzprotokolls schreibt dies ausdrücklich vor. Jede Konfliktpartei “hat alles praktisch Mögliche zu tun, um sicherzugehen, dass die Angriffsziele ( ) militärische Ziele sind”, sie “hat bei der Wahl der Angriffsmittel und ‑methoden alle praktisch möglichen Vorsichtsmaßnahmen zu treffen”, um Gefahren für die Zivilbevölkerung zu minimieren. Wenn sich bei der Vorbereitung und Durchführung “erweist, dass das Ziel nicht militärischer Art ist” oder damit zu rechnen ist, dass der Schaden für Zivilisten unangemessen hoch sein wird, ist “der Angriff endgültig oder vorläufig einzustellen.”
Für Rechenzentren ist das besonders wichtig wegen der Folgen, die weit über Schäden an einem Gebäude hinausgehen können. Eine Server-Filiale kann die Arbeit von Providern, Sites, Clouds, Medien und anderen Systemen in verschiedenen Bezirken und sogar Städten versorgen. Deshalb muss bei der Angriffsplanung nicht nur beurteilt werden, wie viele Menschen sich im Rechenzentrum aufhalten, sondern es sind auch die Folgen zu berücksichtigen, die der Ausfall des Zentrums hätte. Das Internationale Rote Kreuz macht auf die Kettenreaktionen solcher digitalen Attacken aufmerksam: Schäden an einem Knotenpunkt können sich auf das Funktionieren vieler anderer ziviler Systeme auswirken.
Selbst wenn daher ein Rechenzentrum tatsächlich eine militärische Funktion erfüllt, gilt trotzdem das Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Das humanitäre Völkerrecht verbietet einen Angriff, bei dem damit zu rechnen ist, dass der Schaden für Zivilisten im Verhältnis zum konkreten und unmittelbaren militärischen Vorteil unverhältnismäßig hoch ist. Deshalb ist auch relevant, in welchem Ausmaß das Objekt zivil genutzt wurde, sowie die Möglichkeit, für den Angriff eine präzisere Waffe, eine andere Zeit oder ein anderes Ziel auszuwählen, um die Bevölkerung einem geringeren Risiko auszusetzen. Die rechtliche Bewertung fällt noch strenger aus, wenn das Rechenzentrum gar keine militärische Funktion hatte. Ein gezielter Angriff auf ein ziviles Objekt kann als Kriegsverbrechen gelten. Das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) zählt vorsätzliche Angriffe gegen Zivilobjekte, die keine militärischen Ziele darstellen, ausdrücklich zu Kriegsverbrechen.
Eine andere Art eines möglichen Kriegsverbrechens ergibt sich, wenn ein Objekt tatsächlich ein militärisches Ziel war, aber der Schlag im Wissen darum ausgeführt wurde, dass der zu erwartende Schaden für Zivilisten übermäßig hoch sein würde im Vergleich zum erhofften militärischen Vorteil. Dann geht es nicht mehr um den Status des Rechenzentrums, sondern darum, wie der Angriff geplant wurde und was den Personen bekannt war, die die entsprechende Entscheidung getroffen haben.
Getrennt davon wird bewertet, ob die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen wurden. Eine nicht überprüfte oder veraltete Information über das Ziel, unterlassene Versuche, seine Funktion genauer zu eruieren, die Entscheidung für eine Angriffswaffe mit offensichtlich großem Risiko für Zivilisten — dies alles kann für die rechtliche Beurteilung relevant sein. Allerdings ist nicht jeder Verstoß gegen Regeln der Kriegsführung automatisch ein eigenes Kriegsverbrechen: Für die strafrechtliche Verantwortung ist konkret festzustellen, worin das Kriegsverbrechen konkret bestand sowie die entsprechende Form der Schuld. Daher können zwei Schläge gegen ähnliche Rechenzentren rechtlich ganz unterschiedlich bewertet werden. In einem Fall kann es sich um eine gezielte Attacke gegen ein ziviles Objekt handeln, im anderen dagegen um einen Schlag gegen ein legitimes militärisches Ziel mit einen übermäßigen Schaden für Zivilisten, und in einem weiteren Fall um den Verstoß gegen die Verpflichtung, das Ziel angemessen zu überprüfen oder die Folgen zu minimieren.
Kann Russland den Ukrainern das den Internet-Zugang entziehen?
Allein durch Schläge gegen mehrere Rechenzentren ist es schwerlich möglich, die Ukraine vollständig des Internet-Zugangs zu berauben. Das ukrainische Internet wurde historisch als ziemlich verzweigtes System aufgebaut. Im Land gibt es über 3.000 Provider, viele von ihnen haben eigene Glasfaser-Netze, Anschlüsse an mehrere Backbone-Betreiber und redundante Verbindungswege. Im Land arbeiten über dreitausend Provider. Große Unternehmen können auch eigene internationale Verbindungskanäle haben. Eine solche Dezentralisierung macht das Netz widerstandsfähig gegen die physische Vernichtung einzelner Knotenpunkte. Experten, die von Suspilne und der Deutschen Welle befragt wurden, sind sich darin einig, dass ein vollständiger Internet-Blackout im gesamten Land unwahrscheinlich ist.
Praktisch spricht dies dafür, dass der Verlust eines Rechenzentrums dem Funktionieren eines Providers nicht zwangsläufig ein Ende setzt. Datenverkehr kann über andere Kanäle geleitet werden, Ausrüstung kann auf Ersatzstandorte ausweichen, und die Dienstleistungen können von einem anderen Rechenzentrum aus erfolgen. Nach den Attacken vom September haben die meisten betroffenen Provider lt. Suspilne etwa 24 Stunden benötigt, um ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Im Fall von Cosmonova gelang es der Gesellschaft, nachdem das Kyjiver Rechenzentrum ausgefallen war, die Dienstleistungen von geographisch entfernten Ersatz-Standorten wieder aufzunehmen, und die Kundendaten konnten gerettet werden.
Wie gut dieses Modell unter ständigem Beschuss funktioniert, zeigen die Beispiele der frontnahen Städte. Der Telekom-Vertreter Oleksander Hluschtschenko berichtete Supilne über die Erfahrung von Kramatorsk, wo die Anbieter nach Beschädigungen aktive Ausrüstungen regelmäßig in andere Standorte verbringen und Backbone-Linien neu verlegen mussten. So kann das Netz selbst dort weiterarbeiten, wo einzelne Elemente immer wieder zerstört werden. Allerdings bedeutet die Resilienz des gesamten Systems nicht, dass die Nutzer die Folgen der Attacken nicht zu spüren bekämen. In einem Bezirk oder einer Stadt kann die Verbindung für einige Stunden oder auch Tage versagen, besonders wenn ein Rechenzentrum, eine Backbone-Linie und die Stromversorgung gleichzeitig beschädigt werden. Am verwundbarsten sind Orte, wo viele Netze in einem Knotenpunkt zusammenkommen oder wo der Provider wenig redundante Verbindungswege hat. Daher kann ein Angriff auf ein großes Rechenzentrum Kunden mehrerer verschiedener Gesellschaften zugleich in Mitleidenschaft ziehen, auch wenn das gesamte ukrainische Netz weiterhin funktioniert.
Die Stromversorgung ist ein weiterer wunder Punkt. Server, Router, Basisstationen und andere Telekommunikations-Ausrüstungen sind auf Strom angewiesen. Die Provider richten Akkumulatoren, Generatoren und Systeme lückenloser Stromversorgung ein, aber ihre Quelle ist nicht unerschöpflich. Bei langem Stromausfall kann ein Teil der Ausrüstung runterfahren, und die mobilen Netze werden zusätzlich überlastet, weil die Nutzer massenweise von ihrer WLAN-Verbindung zu Hause auf mobiles Internet umschalten. Für das Festnetz-Internet kann man inzwischen mithilfe der PON-Technologie (passive optische Netze, Passive Optical Networks) die Widerstandsfähigkeit erhöhen. In so einem Netz gibt es zwischen der Ausrüstung des Providers und dem Abonnenten keine große Zahl aktiver Knotenpunkte, die eine eigene Stromversorgung erfordern. Wenn die Hauptausrüstung des Providers und der Router des Nutzers eine Reserve-Stromquelle haben, kann das Internet sogar bei einer lokalen Stromabschaltung funktionieren.
Ein weiteres reales Risiko für die Ukraine ist eine Serie lokaler oder regionaler Stromausfälle. Wenn gleichzeitig Rechenzentren, Backbone-Kanäle, Stromquellen und die Betreiber-Ausrüstung angegriffen werden, wird die Wiederherstellung schwierig und teuer. Die Provider müssen Ersatz-Standorte unterhalten, alternative Verbindungen verlegen, Generatoren und eine doppelte Ausrüstung besorgen. Dadurch kann man die Netze nach Angriffen wieder in Gang bringen, es erfordert aber ständige Ausgaben und Arbeiten von Personen, die die beschädigten Teile des Netzes faktisch noch während der Kampfhandlungen wiederherstellen.