Jevhen Sacharov: In keinem Land habe ich so viel bewussten Einsatz für die Ukraine gesehen, wie in Schweden

Im Rahmen des Projekts versuchten die Menschenrechtler, den Verbleib ukrainischer Kriegsgefangener in Russland herauszufinden. Sie leisteten ihren Angehörigen Rechtshilfe und taten alles, damit die Gefangenen nach Hause zurückkehren konnten. Über die Ergebnisse des Projekts und die fruchtbare Zusammenarbeit mit den schwedischen Partnern haben wir mit dem Direktor der Charkiver Menschenrechtsgruppe, Jevhen Sacharov, gesprochen.
Sie sind kürzlich aus Schweden zurückgekehrt, wohin Sie auf Einladung von Östgruppen för demokrati och mänskliga rättigheter gereist waren. Was waren Ihre Eindrücke von der Reise?
Man hat uns sehr gut aufgenommen. Unsere schwedischen Partner boten uns ein reichhaltiges Programm: Wir haben das schwedische Parlament besucht und uns lange mit einzelnen Abgeordneten über ukrainische Probleme unterhalten. Außerdem organisierte man uns eine Besichtigung des Stockholmer Untersuchungsgefängnisses, wo man uns die Zellen zeigte und die Struktur des gesamten schwedischen Strafvollzugssystems beschrieb. Das war sehr aufschlussreich. Wir hatten auch eine sehr interessante Begegnung mit dem Richter eines Berufungsgerichts. Es sollte eine Stunde dauern, aber wir sprachen zweieinhalb Stunden miteinander und konnten nicht aufhören! Außerdem traten wir auf zwei Veranstaltungen auf. In Schweden finden jede Woche drei Protestdemonstrationen gegen den von Russland entfesselten Krieg statt — sonntags, montags und mittwochs, und zwar am Sonntag mitten im Stadtzentrum. Mittwochs versammeln sich die Menschen neben der russischen Botschaft und skandieren: „Stoppt den Krieg!“. Auf diesen beiden Kundgebungen bin ich auch selbst aufgetreten.
Dann hatten wir noch eine interessante Begegnung in der ukrainischen Botschaft in Schweden. Dort sprachen wir über ukrainische Gefangene, denn ukrainische Gefangene in Russland und den besetzten Gebieten sind das Hauptthema unseres Projekts. Wir haben unseren Sponsor aufgesucht, das Schwedische Institut, das uns gefördert hat. Wir waren im Außenministerium und haben uns mit Parlamentsvertretern getroffen, die zur Ukraine arbeiten. Auch dort gab es ein professionelles Gespräch über die Geschehnisse im Krieg und über unsere Gefangenen… Wir waren im Forschungsinstitut für Osteuropa und insbesondere die Ukraine (im Stockholmer Zentrum für Osteuropa-Forschungen). Ebenso haben wir uns mit der NGO Civil Rights Defenders getroffen, wo wir über unsere Arbeit berichteten….

Was wissen die Menschen in Schweden nach Ihrem Eindruck überhaupt über die Situation in der Ukraine? War das, was Sie ihnen erzählt haben, für Sie als Europäer unerwartet?
Wir haben im Parlament über das Schicksal der ukrainischen Häftlinge berichtet. Und ich denke, die Menschen, die uns angehört haben, hatten keinerlei Vorstellung von dem Ausmaß an Folterungen und Erniedrigungen, die unsere Gefangenen erdulden müssen, sowohl Zivilisten als auch Militärs. Sie hatten keine Ahnung davon, wie viele Zivilgefangene in russischen Haftanstalten und in den besetzten Gebieten einsitzen. Es sind über 16.000! Diese Zahl hat sie schockiert. Generell möchte ich sagen, dass ich in diesen vier Kriegsjahren in vielen europäischen Ländern war. Und ich habe in keinem anderen Land ein so überzeugtes Eintreten für die Ukraine und für ihre Interessen in diesem Krieg gesehen, wie in Schweden, sowohl von Seiten der Gesellschaft als auch von Seiten des Staates. Hier sind Gesellschaft und Staat eins. Schweden ist einer der Staaten, der uns am meisten unterstützt. Ich habe mich auf dieser Reise davon persönlich überzeugt. Ich habe nirgendwo das „einerseits, andererseits…“ zu hören bekommen und keinerlei Zweifel, wer in diesem Krieg der Aggressor ist und wer das Opfer. Schweden unterstützt uns sehr, und dafür sind wir dankbar.

Zusammen mit Ihnen besuchten auch zwei ehemalige Gefangene Schweden — Natalia Schilo und Jurij Schapovalov, außerdem Tetjana Matjasch-Myrna aus Charkiv, die durch russischen Beschuss ihren elfjährigen Sohn verloren hat. Haben ihre Geschichten Resonanz im schwedischen Auditorium gefunden?
Sowohl Natalija als auch Jurij haben viel über ihre Haft erzählt. Seit dem ersten Tag an, auf einer Demonstration, und dann bei anderen öffentlichen Anlässen, während eines Runden Tischs im Parlament und auf einer öffentlichen Diskussion. Die Schweden wunderten sich: Wie kann man einfach für eine Meinungsäußerung der Spionage angeklagt werden und eine so lange Haftstrafe erhalten wie Jurij Schapovalov, 13 Jahre. Und Jura wie auch Natalja sagten dann, dass sie großartige Unterstützung in Schweden bekommen hätten. Bei einer der Veranstaltungen wurden Spenden für sie gesammelt. Und im schwedischen Parlament wurde die Ausstellung eröffnet, die dem Andenken an die getöteten Kinder im Gebiet Charkiv gewidmet ist — „Engel der Region Charkiv“. Tetjana Matjysch-Myrna trat dort auf. Zur Eröffnung kamen viele Besucher, auch Parlamentsabgeordnete. Sie stellten viele Fragen ….. Ich kann sagen, dass die Menschen sich diese Geschichten sehr zu Herzen nahmen… Bei der Organisation der Ausstellung „Engel der Region Charkiv“ hat uns Karina Odebrink sehr unterstützt, eine sozialdemokratische Abgeordnete des schwedischen Parlaments, Sonder-Berichterstatterin der Parlamentarischen Versammlung der OSZE und seit 2025 spezielle OSZE-Vertreterin für Fragen der Entführung und Deportation ukrainischer Kinder durch Russland. Die Ausstellung dauert übrigens noch an.


Das Hauptziel des Projekts war der Einsatz für Personen, die von Russland inhaftiert wurden. Nicht wenige von ihnen sind schon verurteilt. Und in letzter Zeit kommt es zu immer mehr solchen Prozessen…
Ja, die Zahl der Verurteilten nimmt zu. Insgesamt wurden jetzt bereits ungefähr dreitausend Ukrainer verurteilt. Die meisten von ihnen sind Soldaten: etwa 2.400 Personen. In unserer Datenbank beträgt die Zahl der Verurteilten etwas über tausend, und insgesamt sind es ungefähr dreitausend. Und noch Anfang 2024 waren es nur wenige Dutzend. 2024, 2025 und in einem Teil von 2026 hat ihre Zahl deutlich zugenommen.
Was ist das Besondere an diesen Gerichtsprozessen?
Sie sind alle gefälscht: Die Beweismittel wurden sämtlich unter Folterungen erpresst, bei Zivilisten wie bei Soldaten. Der Hauptbeweis ist das Schuldbekenntnis des Angeklagten. Alle, die in der Russischen Föderation gefangengenommen wurden, wurden automatisch beschuldigt, entweder Terrorakte begangen oder aber beabsichtigt oder vorbereitet zu haben, je nach den Umständen, unter denen sie in Gefangenschaft gerieten. Diese Personen bekommen sehr hohe Haftstrafen, und die ersten drei oder fünf Jahre müssen sie im Gefängnis absitzen. Die restliche Strafe beläuft sich auf 15 bis 30 Jahre im strengen Vollzug bis zu lebenslanger Haftstrafe. Die Gefängnishaft verbüßen die Ukrainer in einem der sieben russischen Gefängnisse. Wir wissen, in welchen. Deshalb bemühen wir uns, sie zu finden. Die Angehörigen der Gefangenen, ihre Frauen und Mütter beraten sich mit unseren Juristen und schreiben Briefe mit Anfragen an diese Gefängnisse… In einigen Gefängnissen antworten sie auch recht höflich, ob die Person bei ihnen inhaftiert ist oder nicht. Aber in einigen Gefängnissen verweigern sie einfach die Antwort und verweisen auf irgendeinen normativen Akt oder darauf, dass sie angeblich keine persönlichen Daten bekanntgeben dürften.

Zum Projekt gehörte auch die Einrichtung einer Datenbank, in der alle Fälle des Verschwindens, der Festnahme und Gefangennahme festgehalten werden…
Ja, in diesem Projekt haben wir fast von Null an eine Datenbank geschaffen. Wir haben damit de facto kurz vor Projektstart angefangen, ungefähr im Oktober 2024 (das Projekt begann formell am 1. Januar 2025). Unter zivilgesellschaftliche Organisationen nimmt, denke ich, dass wir jetzt die größte Datenbank in der Ukraine zu Kriegs— und Zivilgefangenen haben. Mehr Informationen gibt es nur in Staatsorganen, die sich mit diesem Thema befassen. Der Koordinationsstab für Kriegsgefangene hat natürlich eine größere Datenbank. Aber es kommt vor, dass wir eine Information finden, die dort nicht vorliegt, und sie übernehmen sie in ihre Datenbank und gleichen sie ab. So überprüfen auch wir hin und wieder unsere Daten anhand der Angaben, die ihnen vorliegen. Wir arbeiten ständig mit ihnen zusammen. Und angenehmerweise haben wir sehr produktive Arbeitsbeziehungen, ich würde sogar sagen kameradschaftliche. Natürlich gibt es gewisse Dinge, die sie uns nicht mitteilen können, das leuchtet uns apriori ein, und wir reagieren darauf mit Verständnis. Aber generell kommt man ohne eine Abstimmung mit den Staatsorganen einfach nicht weiter.
Was hat dieses Projekt noch gebracht, abgesehen von der Einrichtung der Datenbank? Haben wir das erwartete Ergebnis erreicht?
Die Datenbank ist lediglich ein Arbeitsinstrument, für die Recherche. Wir haben den Aufenthalt von 3.671 Gefangenen bestimmt. In Wirklichkeit waren es allerdings mehr, insgesamt viertausend. Aber in der Zeit, in der das Projekt lief, hat es viele Gefangenenaustausche gegeben. 2025 kehrten über die Hälfte aller Personen zurück, die während des gesamten Kriegs ausgetauscht wurden. Und in diesem Jahr gab es faktisch schon fünf Austauschaktionen. Und ich hoffe, dass es im Mai noch Austausche geben wird. Dank unserer Recherchen — im Rahmen dieses Projekts und des Projekts in Chemonics — haben wir bis heute 3.671 Personen gefunden, die sich in Gefangenschaft befinden. Das sind die Ergebnisse unserer Arbeit. Denn den Aufenthaltsort des Gefangenen zu kennen ist sehr wichtig. Wenn wir wissen, wo jemand festgehalten wird, kann man Fragen nach seinem Austausch stellen. Das ist das erste. Zweitens können nach russischem Gesetz Gefangene, die bereits verurteilt wurden, von Anwälten besucht werden, diese können mit ihnen unter vier Augen kommunizieren und etwas über ihre Probleme erfahren, ihnen humanitäre Hilfe leisten, Pakete übergeben und Geld auf ihr persönliches Konto einzahlen, damit sie sich Lebensmittel oder Zigaretten im Laden in der Kolonie kaufen können…
Je mehr Haftorte von Gefangenen wir kennen, desto mehr Personen können wir helfen: etwas über ihren Gesundheitszustand erfahren und ihnen Medikamente zukommen lassen. Wir hatten konkrete Fälle, in denen z. B. ein Gefangener keine medizinische Hilfe bekam. Wir haben uns an die russische Menschenrechtsbeauftragte gewandt, an Tatjana Moskalkova. Sie hat reagiert: Sie schickte ihre Angestellten in die Kolonie, damit sie sich vergewisserten, dass wir die Wahrheit sagten. Und der Häftling wurde in ein ziviles Krankenhaus außerhalb der Kolonie verlegt. Das war in Saratov. Jetzt ist die Person gesund.
Geht es hier um einen verurteilten Gefangenen?
Ja, das war ein Verurteilter. Zu Personen, die nicht verurteilt wurden, gibt es keinen Zugang. Sie befinden sich in der Regel inkommunikado — ohne Kontakt zur Außenwelt. Wahrscheinlich hängt das stark von der Strafkolonie ab. Es gibt große Unterschiede. Ich kann sagen, dass z. B. in Grosnyj die Einstellung gegenüber den Ukrainern sehr loyal war, seien es Soldaten oder Zivilisten. Man gab ihnen die Möglichkeit, zu Hause anzurufen, sie wurden normal ernährt und nicht geschlagen. In der Kolonie Dimitrovgrad besteht ein normales Verhalten gegenüber Verurteilten wie auch Nicht-Verurteilten. Durch das System Zona Telekom können unsere Leute Briefe erhalten und selbst schreiben. Natürlich unterliegt diese Korrespondenz der Zensur, aber immerhin gibt es diese Möglichkeit. Die Menschen werden normal ernährt und nicht gefoltert. Ich habe von russischen Anwälten gehört, dass dies das beste Gefängnis in Russland ist. Das heißt, es hängt wie immer alles von den Menschen ab.
Das Projekt endet am 15. Mai. Wie können wir seine Resultate weiter nutzen?
Dank der Informationen, die wir eruieren konnten, können wir auch in Zukunft den Ukrainern helfen, die sich in Gefangenschaft befinden. Insbesondere können wir durch russische Kollegen helfen. Wir können die Angehörigen des Gefangenen mit russischen Anwälten in Verbindung bringen. Die Familie kann mit dem Anwalt, dem russischen Gesetz entsprechend, eine Vereinbarung abschließen. Schon mit diesem Vertrag haben die Anwälte die Möglichkeit, sich mit dem Verurteilten zu treffen, ihm etwas von seiner Familie zu übergeben, zu erfahren, wie es dem Gefangenen geht. Dies ist möglich dank der Informationen, die wir durch dieses Projekt gewonnen haben. Wir werden uns weiter damit befassen. Denn allein in unserer Datenbank finden sich 9.253 Vermisste. Es ist nicht bekannt, ob sie leben, und falls sie leben, dann wo sie sich befinden. Man muss die Suche fortsetzen.
Die von der Charkiver Menschenrechtsgruppe und Östgruppen för demokrati och mänskliga rättigheter erstellte Analyse über im Krieg vermisste Ukrainer ist über den folgenden Link zugänglic.