Eine 55-jährige Ukrainerin aus dem besetzten Skadovsk wurde zu 12 Jahren Haft wegen Unterstützung der Ukraine verurteilt

Natalija Povjetkina gehört zu den fast zweitausend Zivilpersonen, die seit der russischen Invasion in einen Teil des Gebiets Cherson deportiert wurden. Einige wurden gefoltert und dann freigelassen, manche wurden zu Tode gequält, und viele bleiben aufgrund absurder Beschuldigungen in Haft.
Halya Coynash27. April 2026UA DE EN ES FR RU

Наталія Повєткіна. Фото окупаційного “прокурора” Natalija Povjetkina. Foto des Besatzungs-„Staatsanwalts“ Natalia Povietkina. Photo occupation “prosecutor” Nataliya Povetkina. Foto del «fiscal» de la ocupación Natalia Povetkina. Photo du « parquet » d’occupation Наталия Поветкина. Фото оккупационного “прокурора”

Natalija Povjetkina. Foto des Besatzungs-„Staatsanwalts“

Ein Besatzungs-„Gericht“ im von Russland besetzten Gebiet Cherson hat die 55-jährige Natalija Povjetkina zu zwölf Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Der Aggressorstaat, der 2022 in ihre Heimatstadt Skadovsk einmarschiert ist und sie gezwungen hat, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, hat die Ukrainerin des „Staatsverrats“ bezichtigt. Da solche Verfahren unter strenger Geheimhaltung ablaufen, ist es unmöglich, die konkreten Umstände zu überprüfen. Allerdings deckten sich die Beschuldigungen mit denen, die in zahlreichen anderen Prozessen wegen „Verrats“ oder „Spionage“ erhoben werden und in denen es mit Sicherheit zu Verurteilungen und zu langen Haftstrafen kommt.

Wie so häufig auf den 2022 besetzten Gebieten der Ukraine, ist kaum über Natalija Povjetkina und den Zeitpunkt ihrer Festnahme bekannt. Man weiß nur das, was sich aus den Anklagepunkten ergibt, die zusammen mit dem Urteil am 9. April 2026 veröffentlicht wurden. Es wurde behauptet, sie habe Anfang Mai 2023 freiwillig Informationen über die Dislozierung russischer Militärtechnik und Personal gesammelt, angeblich auf Anweisung ungenannter Vertreter des Ukrainischen Geheimdienstes (SBU). Dann habe sie diese Informationen über einen Messenger ihrem „Kurator“ mitgeteilt. Diese Erklärungen enden zwangsläufig mit der Standardaussage, dass diese Auskunft für die Zielbestimmung an Standorten russischer Truppen genutzt werden konnte.

Der Juni 2023 war somit der früheste Zeitpunkt, zu dem Natalija Povjetkina in Gefangenschaft geraten sein kann. Wenn sie wegen ihrer proukrainischen Ansichten entführt wurde, haben die Entführer zugleich ihr Telefon überprüft und ggf. Fotos gefunden, die sie dann als „Beweis der Schuld“ einstuften.

Die Anklagen wegen „Staatsverrats“ erfolgten nach Artikel 275 des Strafgesetzbuchs der Russischen Föderation (RF), und das Urteil fällte das Chersoner Gebietsgericht der Besatzungskräfte. Alle derartigen „Verfahren“ laufen hinter verschlossenen Türen ab. Neben der zwölfjährigen Haftstrafe wurde Povjetkina noch zu einem Jahr eingeschränkter Freiheit und zu einer hohen Geldstrafe von 100.000 Rubeln verurteilt.

Die Russen haben Zivilisten in allen besetzten Teilen der Ukraine entführt. Sie hatten zivilgesellschaftliche Aktivisten, Freiwillige, ehemalige Militärs sowie Personen mit einer eindeutig proukrainischen Position im Visier. Von fast zweitausend Ukrainern, die allein im Gebiet Cherson entführt wurden, befinden sich immer noch 923 Personen in Haft. Während Personen wie Iryna Horobzova, Serhij Zyhipa, Ablas Kurtamet und sein Vater Chalil Kurtamet später in Schauprozessen angeklagt wurden, werden andere weiterhin ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt und ohne Anklage festgehalten.

Zu letzteren gehörten Ihor Kolychajev, der Bürgermeister von Cherson, und Oleksandr Babytsch, Bürgermeister von Holoji Pristani. Im März 2026 erklärte der Leiter der Abteilung für die Untersuchung von Kriegsverbrechen in der Gebietsstaatsanwaltschaft von Cherson, Oleksij Butenko, dass mindestens 29 Zivilisten, die im Gebiet Cherson entführt worden waren, zu Tode gefoltert wurden oder starben, weil ihnen in der russischen Haft keine medizinische Hilfe zuteilwurde. Diese Zahl kann noch weit höher liegen, weil viele Zivilisten einfach verschwunden sind, so wie auch der 77-jährige spanische Freiwillige Mariano Garcia Calatayud (Mario).

Ebenso schwer ist es, auf dem Laufenden zu bleiben, da Urteile aufgrund von Anklagen wegen „Staatsverrats“, „Spionage“ und so genannten „Terrorismus“ jede Woche, wenn nicht täglich gefällt werden. Die meisten „Urteile wegen Staatsverrats“ betreffen entweder die angebliche „Übermittlung von Informationen über Truppenbewegungen“ oder Spenden an die ukrainischen Streitkräfte oder ukrainische Hilfsorganisationen.

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