Phosphor als Taktik im Krieg

Die Besatzungstruppen setzen erneut Brandmunition ein — vermutlich weißes Phosphor.
Serhij Okunjev07. April 2026UA DE EN ES FR RU

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Russische Besatzungstruppen haben bereits mehrfach Brandmunition eingesetzt, diesmal während des Sturmangriffs auf Kostjantynivka im Donezker Gebiet. Das Video, auf dem die typischen „Fackeln“ vom Himmel auf ein privates Wohnviertel der Stadt fallen, hat die Luftaufklärung der 28. separaten mechanisierten Brigade veröffentlicht, die den Namen „Ritter der Winter-Kampagne“ trägt. Nach Angaben der Brigade haben die Russen diesmal eine Phosphorladung angewendet. Brandmunition, insbesondere mit Phosphor, haben die Besatzer zu Beginn der Vollinvasion intensiv eingesetzt, allerdings wenden sie sie nach vier Kriegsjahren immer noch an.

Weißes Phosphor ist eine chemische Substanz, die sich an der Luft selbst entzündet und bei einer Temperatur von über 800 Grad C brennt. Munition mit Phosphor gilt als extrem gefährlich, ein Brand, der dadurch ausgelöst wird, ist äußerst schwer zu löschen, und jeglicher Kontakt von Phosphor mit der menschlichen Haut verursacht schwere chemische Verbrennungen. Außerdem produziert brennendes Phosphor einen ätzenden weißen Rauch, der auch auf dem Video der 28. separaten mechanisierten Brigade zu sehen ist. Dieser Rauch ist ebenfalls für Menschen gefährlich und kann zu schweren Vergiftungen oder Verbrennungen der Atemwege und Lungen führen.

Formell gilt Munition mit weißem Phosphor nicht als chemische Waffe. Jedoch schränken das humanitäre Völkerrecht, insbesondere das Protokoll III zur UN-Konvention über einige gewöhnliche Waffengattungen die Nutzung von Brandwaffen ein. Vor allem ist ihr Einsatz in Ortschaften und an Stellen, wo sich viele Zivilisten aufhalten, verboten. Ein weiterer Grund für dieses Verbot ist, dass Brandmunition eine große Fläche und per se wahllos angreift.

Nach letzten Informationen halten sich in Kostjantynivka, trotz größter Gefahr und täglichen Beschusses, trotz täglicher Bedrohung durch feindliche Drohnen und des Fehlens jeglicher Voraussetzung fürs Zivilleben, immer noch etwa 2.000 Einwohner auf. Ihre Evakuierung war schon lange äußerst schwierig und ist jetzt so gut wie unmöglich. Feindliche Drohnen attackieren jeden Transport, auch Evakuierungen. Im Netz finden sich einige Videos mit Angriffen russischer Drohnen auf Evakuierungsfahrzeuge von Freiwilligen. So ist etwa der Transport der humanitären Stiftung „Proliska“ angegriffen worden. Die Organisation hat nichts mit dem Militär zu tun, sie befasst sich mit humanitärer Hilfe und der Evakuierung von Zivilisten.

Kostjantynivka ist alles andere als ein Einzelfall. Angriffe mit Phosphor— und anderer Brandmunition erfolgten auch in der Schlacht um Bachmut im Jahre 2022 und besonders im Jahre 2023. Als Bachmut damit bombardiert wurde, hielten sich dort noch etliche Zivilisten auf, und ähnlich ist es 2026 in Kostjantynivka. Phosphorbomben waren ebenfalls bei den Kämpfen in der Region des Dorfs Velyka Novosilka im Süden des Gebiets Donezk im Einsatz. Entsprechende Aufnahmen haben ukrainische Truppen 2022 veröffentlicht.

Am intensivsten wurde diese Waffe vermutlich in der Schlacht um Mariupol und insbesondere gegen die Verteidigung von “Asovstal” eingesetzt. Die russische Luftwaffe hatte bereits in den ersten Wochen des Kampfes um Mariupol die Lufthoheit gewonnen und dann begonnen, die Stadt selbst und die Positionen der ukrainischen Truppen massiv und fast ununterbrochen zu bombardieren. In verschiedenen Bezirken von Mariupol wurde auch Phosphormunition eingesetzt, was wiederholt auf Videos festgehalten wurde. Die massivsten Attacken dieser Art richteten sich gegen die Fabrik „Asovstal“, die letzte Festung der Verteidiger Mariupols. Die Anwendung von Phosphormunition verursachte umfangreiche Brände und toxischen Rauch.

Im Juni 2025 veröffentlichte die ukrainische Einheit „K-2“ Filmaufnahmen und zusätzliche Informationen über die Zerstörung eines russischen Mehrfachraketenwerfers „Grad“, der laut Auskunft der ukrainischen Truppen mit unbekannten chemischen Kampfstoffen ausgerüstet war. Das wird durch Videoaufnahmen dieser Einheit sowie durch abgefangene russische Funknachrichten bestätigt. Diese forderten ihre Soldaten dazu auf, Gasmasken zu tragen, da die „Grad mit Chemie ausgerüstet“ war. Theoretisch könnte es auch Munition mit weißem Phosphor gewesen sein, zumal die Sowjetunion diese produziert hat, insbesondere für Grad-Mehrfachraketen,

Generell setzen die russischen Besatzungstruppen häufig chemische Mittel in Kampfhandlungen ein, besonders während der Kämpfe um Torezk im Gebiet Donezk. Kämpfer der Brigade „Chizhak“ teilten im Gespräch mit dem Journalisten Serhij Okunjev mit, dass die Besatzer ihre Drohnen mit Tränengas versehen haben, vermutlich vom Typ „Tscheremucha“ — Chloracetophenon, CN. Das ist ein Gas, das Tränenfluss auslöst, ein starkes Reizmittel, das Mitte des 20. Jahrhunderts von der Polizei gegen Demonstrationen im Einsatz war. „Tschermucha“ bewirkt einen starken Tränenfluss, Brennen in den Augen, in der Nase und im Hals. Wegen der hohen Toxizität wurde es im 21. Jahrhundert fast überall durch weniger gefährlichere Stoffe ersetzt.

2024 hat die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OVCW) einen Bericht zum möglichen Einsatz toxischer Chemikalien als Waffe durch russische Truppen veröffentlicht. Entsprechend der Konvention zum Verbot von Chemiewaffen hatte die Ukraine gefordert, OVCW-Experten zu entsenden, um eine möglichen Anwendung von Chemiewaffen bei Illinka im Gebiet Dnipropetrovsk zu untersuchen. Das technische Sekretariat der OVCW reiste aus diesem Anlass in die Ukraine.

„Während der Mission erstellte das Expertenteam des Technischen Sekretariats eine Dokumentation und digitale Dateien sowie Berichte von Augenzeugen. Zudem erhielt sie drei von der Ukraine gesammelte Proben: eine Granathülse und zwei Bodenproben aus einem Schützengraben. Nach der Rückkehr ins Hauptquartier der OVCW wurden die Proben zur unabhängigen Analyse in zwei von der OVCW bestimmte Labors geschickt, die der Generaldirektor zur unabhängigen Analyse ausgewählt hatte. Die Analysen, die getrennt und voneinander unabhängig in diesen Labors durchgeführt wurden, bestätigen, dass die Granat— und Bodenproben aus dem Schützengraben Stoffe zur Bekämpfung von Unruhen mit 2- Chlorbenzylidenmalononitril (bekannt als CS) enthalten“, so heißt es im Bericht der Organisation zum Verbot von Chemiewaffen.

Die OVCW erklärte, der Generaldirektor der Organisation, Botschafter Fernando Arias, sei „aufgrund dieser Ergebnisse ernsthaft besorgt“.

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