Ein doppeltes Verbrechen

Einsatz von Mehrfachraketenwerfern gegen das Stromnetz von Charkiv durch russische Truppen.
Serhij Okunjev30. Januar 2026UA DE ES FR RU

Руйнування житлового будинку після удару РСЗВ у місті Харків, вересень 2022 року

Zerstörungen an einem Wohnhaus nach einem Raketenangriff in Charkiv im September 2022

Im Jahre 2026 haben die russischen Besatzungsstreitkräfte ihre Angriffe auf die ukrainische Energie-Infrastruktur intensiviert, insbesondere vor dem Hintergrund der sich verschlechternden Wetterbedingungen und des Kälteeinbruchs. Am 5. Januar wurde Charkiv von fünf Raketen des Mehrfachraketenwerfersystems „Tornado-S“ angegriffen. Ziel war wiederum ein Energie-Objekt in einem dicht besiedelten Bezirk. Das war nicht der erste Fall, in dem diese Waffengattung angewandt wurde, aber Ende 2025 und Anfang 2026 haben die Russen „Tornado-S“ wesentlich häufiger eingesetzt, gerade um Ziele in Charkiv anzugreifen.

Am 24. Dezember 2025 gegen 5.30 beschossen die Russen ein Energie-Objekt in einem Vorort von Charkiv mit einer „Tornado-S“. Es gab einen Toten und 13 Verletzte.

Am 24. September 2024 griffen die Russen den Kyjiver Bezirk in Charkiv mit „Tornado-S“ an, hier gab es keine Opfer.

Am 5. August wurde Charkiv mit den gleichen Raketenwerfern beschossen, vier Personen wurden verletzt.

Das Raketenwerfersystem wurde als Waffe entwickelt, die „auf Flächen“ eingesetzt wird und mit hoher Sprengkraft ein umfangreiches Terrain erfasst, manchmal Hunderte von Quadratmetern. Obwohl moderne Raketenwerfer deutlich präziser sind als die aus den 1960-er und 70-er Jahren, kann man solche Systeme auch heute nicht als hochpräzise Waffe bezeichnen, da ihr Prinzip ja im Angriff auf ausgedehnte Flächen besteht.

Dies wird insbesondere durch die Position des Amts für Abrüstung der UNO bestimmt. „Zu den besonders problematischen Waffengattungen gehören Waffen mit indirektem Feuer [ ]. Waffen, die in Salven feuern, wie eben Raketenwerfersysteme. [ ]. Solche Systeme umfassen, je nach Version, Munition mit einer großen Reichweite, Waffen mit ungenauen Trägersystemen oder Waffensysteme, die mehrere Munitionseinheiten über ein weites Gebiet hinweg einsetzen.

Das Hauptproblem ist die Anwendung von Explosivwaffen in besiedelten Gebieten, insbesondere solcher mit großflächiger Wirkung. Viele dieser Waffen wurden ursprünglich für den Einsatz auf offenen Gefechtsfeldern entwickelt, in bewohnten Gebieten sind sie naturgemäß undifferenziert, was die Zahl der zivilen Opfer erhöht und verheerende humanitäre Auswirkungen hat“, so heißt es in der UN-Stellungnahme.

Am 20. Dezember 2024 analysierte Amnesty International den Einsatz von Mehrfachraketenwerfern durch die Terrororganisation „Hisbollah“ gegen Objekte in Israel und kam zu dem Schluss, dass die Anwendung von Raketenwerfern innerhalb städtischer Besiedlung einen Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht darstellt. Obwohl „Tornado-S“-Systeme schon 2014 gegen die Ukraine eingesetzt wurden, was durch Dokumente der Menschenrechtsorganisation IPHR belegt wird, ist diese Waffengattung bis heute noch als selten zu betrachten, und die über sie bekannten technischen Daten sind nicht verifiziert.

Nach den Angaben der renommierten Quelle „The Military Balance“ verfügte Russland 2021 lediglich über 20 solcher Anlagen, und „Tornado-S“ kam nur in Einzelfällen zum Einsatz, was die Untersuchung ihrer tatsächlichen Merkmale erheblich erschwert.

Am 22. März 2023 tagsüber griffen die russischen Streitkräfte mit sechs „Tornado-S“-Systemen Wohnviertel in Zaporizhzhia an. Eine der Raketen schlug zwischen zwei Wohnhäuser in der Schlafregion der Stadt ein, es wird von 34 Opfern berichtet, darunter drei Kinder. Das ist eines der Beispiele, die zeigen, dass „Tornado-S“ nicht als Präzisionswaffe zu betrachten ist, schon gar nicht in besiedeltem Stadtgebiet.

Offizielle russische Quellen behaupten, dass „Tornado-S“ eine deutlich höhere Präzision hat als ihre Vorgänger, etwa „Smertsch“ und „Uragan“. Jedoch selbst die offizielle Definition des russischen Verteidigungsministeriums unterstsreicht, dass „Tornado-S” ein „System ist, dass für die Zerstörung von Gruppenzielen in weiter Entfernung bestimmt ist, deren verwundbare Elemente offene und verdeckte Kräfte sind, nicht gepanzerete, leicht gepanzerte sowie gepanzerte Fahrzeuge”. Diese Beschreibung allein ist schon ein Beleg dafür, dass “Tornado” gegen Gruppenziele und Truppenkonzentrationen eingesetzt wird.

Ukrainische Energie-Objekte befinden sich seit jeher vorwiegend in dicht besiedelten Stadtgebieten. Das gilt auch für Charkiv. In solchen Fällen kann schon eine Abweichung von ein paar Dutzend Metern zur Folge haben, dass unmittelbar ein Wohnhaus oder andere Objekte getroffen werden und es zu einer hohen Zahl an zivilen Opfern — Bewohnern oder Besuchern — kommt.

Somit geht es hier um ein doppeltes Verbrechen. Abgesehen von den Angriffen auf die ukrainische Energie-Infrastruktur, bei denen es sich um Kriegsverbrechen handelt, werden für diese Attacken noch ungezielte Waffen eingesetzt, was die Zivilbevölkerung, insbesondere die in Charkiv, noch zusätzlich gefährdet.

Die russischen systematischen Angriffe auf die Energie-Infrastruktur werden vom Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) als Kriegsverbrechen eingestuft. Bereits 2024 stellte der IStGH wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch den Beschuss der ukrainischen Energie-Infrastruktur einen Haftbefehl gegen den Kommandeur der russischen Fernfliegerkräfte Sergej Kobylasch und den ehemaligen Befehlshaber der russischen Schwarzmeerflotte Viktor Sokolov aus.

Leider haben die Angriffe auf die Energie-Infrastruktur nicht nur nicht nachgelassen, sondern wurden noch gesteigert und in den Auswirkungen verheerender. Infolge des Tornado-Angriffs vom 5. Januar blieben in Charkiv mehr als 350.000 Einwohner ohne Strom — von planmäßigen Abschaltungen abgesehen.

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