Am Scheideweg

Wir können nur standhalten, wenn unser Widerstand gegen die russische Finsternis weiterhin von der ganzen Nation getragen wird.
Die Initiativgruppe des „Ersten Dezember“22. Januar 2024UA DE EN ES FR RU

© Anna Pasichnyk / Shutterstock © Anna Pasichnyk / Shutterstock © Anna Pasichnyk / Shutterstock

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Wir alle, etliche Millionen ukrainischer Bürger, wo auch immer sie sich aufhalten, müssen zur Kenntnis nehmen und begreifen, dass ein Sieg ohne unsere aktive und selbstlose persönliche Teilnahme am Kampf nicht möglich sein wird.

2023 war für viele Ukrainer nicht nur ein schmerzvolles Jahr, sondern auch eines, das eine gewisse Enttäuschung brachte. Die Mär von einem schnellen Sieg, an den viele Ukrainer aus irgendeinem Grund geglaubt hatten, ohne sich über die Realitäten des Schlachtfeldes im Klaren zu sein, fiel in sich zusammen. Die leidvolle, unmenschliche, blutige und schmutzige Realität des Krieges wurde überlaut, so dass sie dieses Märchen übertönte. Mit dem Verschwinden der Illusion gingen bei vielen jedoch auch die Hoffnung und der Glaube verloren — und ohne diese werden wir nicht überleben.

Das sieht aus wie eine einfache Schulstunde in höherer Mathematik. Wir sind von einem Punkt A in Raum und Zeit ausgegangen und werden nicht mehr dorthin zurückkehren. Ziel ist es, zu Punkt B zu gelangen, der erreichbar scheint. Aber damit ist die Einfachheit schon vorbei, da die Koordinaten von Punkt B nicht festgelegt sind: Sie hängen vom mentalen Zustand des Beobachters ab. Ist er erfüllt von Glauben und Zuversicht, so rückt dieser Punkt näher, ist er dagegen mutlos, rückt er in nebelhafte Ferne. Wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, werden wir zu einem willenlosen Spielball in den bizarren Nachrichten anderer, und das bekommt uns schlecht. Das ist der erste Fehler, nach dem Sprichwort: „Lasst euch nicht verführen, und ihr werdet nicht enttäuscht werden.“

An diesem Scheideweg hängen unsere Schlussfolgerungen vor allem von angeblich „offensichtlichen“ Voraussetzungen ab. Erinnern Sie sich an diese berüchtigte These: „Man muss anerkennen, dass Russland ganz offensichtlich ungleich stärker ist als die Ukraine, deshalb wird es sie innerhalb einer Woche erobern.“? Wie viele ernstzunehmende Experten sind auf diese „Evidenz“ hereingefallen! Nach der Befreiung der Gebiete Charkiv und Cherson kam die Zeit der zweiten „Evidenz“: „Im nächsten Jahr geht es nach Bachtschysaraj!“ Wieder eine Falle. Heute gewinnen erneut die ersten Stimmen die Oberhand: „Wir haben es doch gesagt! Man muss realistisch sein.“ Ganz ohne Grundannahmen kommt der Mensch nicht aus. Wenn allerdings verschiedene Ereignisse sofort zu ganz entgegengesetzten Vermutungen führen, ist klar, dass man sich auf erstere nicht verlassen sollte. Andernfalls würden wir einen weiteren Fehler begehen.

Die Ukrainer begehen nicht wenige solcher Fehler. Aber zu Beginn des Neuen Jahres möchte man nicht darüber sprechen, man möchte an Wunder glauben. Heute gilt es, unsere Probleme aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Denn unsere derzeitigen Schwächen können unter bestimmten Umständen sogar eine Quelle unserer Stärke werden.

Das ewige Unglück der Ukraine war die „Atamanschtschina“, d. h. der Unwille der Ukrainer, sich an vertikale Hierarchien anzupassen. Aber gerade diese Eigenschaft ermöglicht heute die eigenständigen Initiativen untergeordneter Kommandeure an der Front. Das heißt, sie stand nicht im Widerspruch zur Führung der Vertikale, sondern ergänzte sie vielmehr, und die Streitkräfte wurden dadurch stärker.

Obwohl ein beträchtlicher Teil der Gesellschaft in paternalistischer Manier die Verantwortung für ihr Schicksal nach wie vor nach oben delegiert, gibt es in der Ukraine breite Kreise, die wahre Wunder an Eigeninitiative bewirken. Das sind in erster Linie verschiedene Komponenten der Zivilgesellschaft, gesellschaftliche Organisationen, Freiwillige, Geistliche, Sponsoren, Waffenproduzenten, Rettungssanitäter, Ärzte. Heute, wo der Nebel der Niederungen die Seelen Verzweifelter erneut einhüllt, hängt es insbesondere vom kreativen und aktiven Teil der Gesellschaft ab, wie schnell und erfolgreich ein Ausweg aus scheinbar aussichtslosen Lagen gefunden wird. Das schöpferische Potential der Ukraine ist immens — muss jetzt auf jegliche Weise unterstützt werden. Was die „Oberen“ angeht, so wollen wir uns an Hryhorij Skovoroda halten: „Das Leben des Herrschers liegt in Zurückhaltung, in Entsagung, im Verzicht auf alles Überflüssige.“

Trotz des Zynismus moralisch verkommener Personen, die sich inmitten und auf Kosten des Leids anderer Menschen Wohlstand verschaffen, hatte die Ukraine lange nicht mehr so viele Helden, die an die rettende Kraft des menschlichen Geistes glauben — jetzt, wo sich das Problem der Bewahrung unserer Werte und der Ukraine als solcher stellt. Inspiriert von revolutionären „Majdans“ und der Opferbereitschaft Freiwilliger, haben sie solchen Begriffen ihre Bedeutung zurückgegeben wie Gewissen und Ehre, Solidarität und Selbstaufopferung, Wille und Pflicht. Damit haben sie die Gestalt der Ukraine verändert und der ganzen Welt ein Beispiel gegeben.

Gemeinschaften können an eine lichte oder eine düstere Zukunft glauben. Die ukrainische Gesellschaft hat vieles durchgemacht und erreicht. Sie war nicht immer zu der Einsicht bereit, dass die Zukunft nicht bis ins letzte vorherbestimmt ist und dass man sie ändern kann. Wir nehmen sie entweder an oder wir wirken auf sie ein. Ein starker Glaube stützt sich auf Werte, und diese erkennen wir durch Kampf und durch Prüfungen.

Deshalb müssen wir unseren Schmerz und unsere Enttäuschung aus Schwäche zu Stärke machen und daraus Lehren der Reife ziehen. Wir müssen begreifen, dass der Krieg keine Show und unsere Streitkräfte kein Fußballteam sind. Wir sind nicht nur Zuschauer eines Fußballspiels; jeder von uns ist ein Atom großer Moleküle, aus denen die gesamte ukrainische Armee besteht. Wer nicht in der Armee ist, möge ihr helfen, wo es möglich ist. Mit Spenden und Freiwilligenarbeit. Wer nicht durch den Horror gegangen ist, kann jene, die ihn durchlebt haben, schwer verstehen; aber wir können dennoch eine Einheit bilden, in der jeder Teil für ein Ziel arbeitet, nämlich unser Land, unsere Freiheit und unser Leben zu verteidigen.

Wir können nur durchhalten, wenn unser Widerstand gegen die russische Finsternis weiterhin vom ganzen Volk getragen wird. Jeder von uns, etliche Millionen ukrainischer Bürger, wo auch immer sie sich aufhalten, muss fühlen und verstehen, dass der Sieg ohne persönliche aktive und selbstlose Teilnahme an diesem Kampf nicht möglich sein wird.


Mitglieder der Initiativgruppe des „Ersten Dezember“

Olha Aivazovska

Oleksandra Hnatjuk

Volodymyr Jermolenko

Jevhen Sacharov

Josyf Sissels

Myroslav Marynovytsch

Oleksandra Matvijtschuk

Ihor Juchnovskyi

Jaroslav Jatskiv

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