Die russische Taktik der Doppelschläge

Der Feind wartet das Eintreffen der Feuerwehr, Rettungskräfte und Polizei am Ort des ersten Einschlags ab, und führt dann gezielt einen zweiten Schlag aus, um möglichst viele Opfer unter den Rettungskräften zu erzielen. Diese Methode, die der Kreml zuvor in großem Umfang im Krieg in Syrien praktiziert hat, ist ein ausdrücklicher Verstoß gegen die Genfer Konvention.
Was ist ein “double tap”?
Der Begriff des “double-tap” kam zuerst in der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts auf. Er bezeichnet eine Technik des Schießens aus Handfeuerwaffen, die in zwei schnell aufeinanderfolgenden Schüssen erfolgte, um die Treffsicherheit zu erhöhen. Mit der Zeit änderte der Terminus seine Bedeutung. Später bezeichnete er eine Militärstrategie beim Einsatz schwerer Waffen.
Im aktuellen Kontext der Bombardierungen und des Artilleriebeschusses versteht man darunter einen absichtlichen wiederholten Schlag gegen dasselbe Objekt nach einem gewissem Zeitabstand. Das Kalkül besteht darin, dass zum Zeitpunkt der zweiten Attacke dort bereits Hilfsdienste und Freiwillige im Einsatz sind. Diese Praxis haben Menschenrechtler schon lange vor der Vollinvasion in die Ukraine dokumentiert. Russische Truppen haben diese double-taps vor allem bei der Intervention in Syrien praktiziert.
Wie Experten der internationalen Menschenrechtsorganisation PAX berichten, haben die russische Luftwaffe und die Streitkräfte des Assad-Regimes systematisch doppelte Luftschläge zur Vernichtung von Personal des Zivilschutzes (“Weißhelme”), von medizinischen Einsatzkräften und von Krankenhäusern eingesetzt. Der ehemalige UN-Ermittler für Kriegsverbrechen Marc Garlasko unterstreicht, Ziel dieser Strategie sei nicht nur die Vernichtung der Infrastruktur, sondern das Bestreben, eine höchstmögliche Zahl von Opfern unter den Hilfskräften zu erreichen.
Zur Anwendung der “double-taps” in der Ukraine
Der Raketenbeschuss von Pokrovsk vom 7. August 2023 ist ein Beispiel für die russische Praxis der “double-taps” gegen zivile Infrastruktur im Krieg gegen die Ukraine. Die russischen Truppen führten mit zwei ballistischen Iskander-Raketen Angriffe aufs Stadtzentrum aus. Der erste Schlag zerstörte Teile eines Mehrfamilienhauses, beschädigte Nachbarhäuser, ein Hotel und Geschäfte. Dutzende von Zivilisten wurden verschüttet. Der zweite Schlag erfolgte nach ungefähr 40 Minuten, als beim Epizentrum der Explosion bereits eine großangelegte Rettungsaktion eingeleitet worden war. Polizeikräfte waren dabei, die Evakuierung zu koordinieren, Rettungskräfte des Katastrophenschutzes beseitigten die Trümmer, kommunale Dienste waren im Einsatz. Die bewusst vom Feind eingehaltene Pause bewirkte eine deutlich höhere Opferzahl unter den Hilfskräften. Durch den Angriff kamen neun Personen ums Leben, 82 trugen unterschiedlich schwere Verletzungen davon. Unter den Todesopfern befanden sich fünf Zivilisten, ein Polizist und einer der Retter, der stellvertretende Leiter des Katastrophenschutzes im Gebiet Donezk, Oberst Andrij Omeltschenko. Unter den Verletzten waren 29 Polizisten, sieben Rettungskräfte und zwei Kinder.

Am 15. März 2024 griffen russische Truppen die zivile Infrastruktur in Odesa mit Iskander-M-Raketen an. Sobald nach dem ersten Schlag am Ort der Tragödie die ersten Rettungsmannschaften und Feuerwehrleute des Katastrophenschutzes eingetroffen waren, um die Trümmer zu beseitigen und mit Löscharbeiten zu beginnen, startete der Feind eine zweite Rakete gegen dasselbe Ziel. 21 Personen wurden getötet und über 70 verletzt. Unter den Opfern waren der Feldscher der Rettungsmannschaften und ein Mitarbeiter des Katastrophenschutzes. Zudem kamen bei diesem Zweitschlag der damalige Vize-Bürgermeister von Odesa Serhij Tetjuchin und der Kommandeur des Spezialbataillons “Zunami”, Oleksandr Hostischev, ums Leben, die vor Ort die Hilfsarbeiten koordinieren wollten.

Im September 2025 beschrieb Suspilne Tschernihiv mehrere derartige wiederholter Angriffe auf Rettungskräfte in Nizhyn und Bachmatsch. Während des Angriffs auf ein Infrastruktur-Objekt in Bachmatsch vom 20. September 2025 konnten die Feuerwehrleute nur 10-15 Minuten an der Brandstätte arbeiten. Der Leiter der Wachmannschaft Dmytro berichtet, dass sie das Geräusch einer “Shahed” hörten und es gerade noch schafften, sich zu Boden zu werfen. Durch die Druckwelle und die Splitter wurden zwei Rettungskräfte verletzt. Eine Woche zuvor, am 14. September 2025, kam es zu einem ähnlichen Vorfall in Nizhnyn auf dem Gelände eines zerstörten Betriebs. Die Feuerwehrmannschaft wartete die ersten Explosionen in einem Schutzraum ab und kam heraus, um das Feuer zu löschen, aber als die Arbeit abgeschlossen war und die Schläuche eingeholt wurden, griff Russland sie erneut mit zwei weiteren aufeinanderfolgenden Drohnen an. In der Gebietsleitung des Katastrophenschutzes heißt es, die Russen machten dies gezielt, da sie durch Beobachtungsdrohnen die roten Fahrzeuge und Personen in Uniform bestens sehen könnten. Aufgrund dieser hinterhältigen Taktik haben die Rettungskräfte ihre Arbeitsrichtlinien grundlegend umgestellt und beginnen jetzt erst mit den Löscharbeiten, wenn nach ihrer Einschätzung keine weitere Attacke mehr droht.
2024 berichtete “Truth Hounds”, dass Russland seit Beginn der Vollinvasion mindestens 36 bestätigte Doppelschläge ausgeführt habe. Die Ermittler haben nur die Fälle gezählt, in denen man den Ort des Angriffs sowie den Zeitraum zwischen den Schlägen und dem Eintreffen der Rettungskräfte bestätigen konnte. Am häufigsten fielen gerade die letzteren den Angriffen zum Opfer: in mindestens 20 von 36 untersuchten Fällen wurden Mitarbeiter des Katastrophenschutzes verletzt oder getötet.
Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft wurden 34 Strafverfahren eingeleitet wegen Angriffen auf Rettungsdienste während der Ausführung ihrer dienstlichen Aufgaben im Gebiet von Kampfhandlungen oder im Laufe der Beseitigung von Schäden durch Drohnenangriffe. Neun Verfahren betreffen Angriffe auf Mitarbeiter des Katastrophenschutzes und 25 die auf Sanitäter. Infolge derartiger wiederholter Drohnenangriffe wurden nach Auskunft der Staatsanwaltschaft 52 Sanitäter verletzt, drei von ihnen starben. Unter den Mitarbeitern des Katastrophenschutzes gab es 20 Opfer.
“Das kann von gezielten Angriffen auf die Personen zeugen, die Leben retten und die Folgen von Einschlägen beseitigen”, teilt das Büro des Generalstaatsanwalts mit.
Was sagt das internationale Recht zu Doppelschlägen?
Nach dem humanitären Völkerrecht gelten Doppelschläge dann als Kriegsverbrechen, wenn sie sich gegen Zivilisten, gegen Verletzte oder gegen Personen richten, die am Ort des Erstschlags eingetroffen sind, um Hilfe zu leisten. Insbesondere verbietet Artikel 3 der Genfer Konvention von 1949 Gewalt gegen Personen, die nicht aktiv an Kampfhandlungen beteiligt sind, sowie gegen jene, die aufgrund von Verletzungen, Krankheit oder anderen Umständen aus dem Kampf ausgeschieden sind. Gerade deshalb kann ein Zweitschlag auf den Ort des Angriffs, wo bereits Rettungskräfte im Einsatz sind oder sich Verletzte aufhalten, nicht als zufällige Wiederholung des Angriffs gelten, sondern als ausgesprochener Verstoß gegen Gesetze und Regeln des Krieges.
Prinzipien der Unterscheidung und Verhältnismäßigkeit verpflichten die angreifende Seite, Kampfziele von Zivilisten zu unterscheiden und darüber hinaus keine Schläge auszuführen, wenn der damit einhergehende Schaden für die Zivilbevölkerung den potentiellen militärischen Vorteil übersteigt. Da man in der Pause zwischen den Angriffen gewöhnlich mithilfe der Luftaufklärung das Eintreffen von Notfalldiensten registrieren kann, ist ein Zweitschlag ein unmittelbarer Beweis dafür, dass zu schützender Personen bewusst vernichtet werden.
Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes weist darauf hin, dass Dienste der Zivilverteidigung im Krieg besondere Immunität genießen. Ihre Arbeit ist rein humanitärer Natur: das Löschen von Bränden, die Evakuierung, Beseitigung von Trümmern und medizinische Hilfe. Solange die Dienste ihren Verpflichtungen nachkommen, sind sie geschützt. Dieser Schutz bezieht sich nicht nur auf die Rettungskräfte und Ärzte, sondern auch auf ihre gesamte Technik und Infrastruktur. Jeder gezielte Schlag gegen Feuerwehrautos, Rettungsfahrzeuge oder eine Basis des Katastrophenschutzes stellt einen schweren Verstoß gegen internationale Normen dar.