Die Zerstörung ukrainischer Museen durch Russland

Zum 24. Februar 2026 hat die T4P-Datenbank 4. 367 zerstörte Kulturdenkmäler verzeichnet.
Marija Krikunenko02. März 2026UA DE FR RU

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In den vier Jahren der russischen Vollinvasion haben die russischen Truppen dem kulturellen Erbe der Ukraine schwerwiegende Schäden zugefügt. In der T4P-Datenbank für Kriegsverbrechen wurden bis zum 24. Februar 2026 4.357 Fälle erfasst, die rechtlich als „Schaden oder Vernichtung geschichtlicher Denkmäler, Krankenhäuser und von Gebäuden, die dem Gottesdienst, der Erziehung, der Kunst gewidmet sind“, zu qualifizieren sind (Art. 8 (2) (b) (ix) nach dem Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs).

Die direkten Verluste für die ukrainische Kultur belaufen sich auf etwa 4.2 Mrd. Dollar, und die Gesamt-Verluste im Kultursektor, wenn man entgangene Einnahmen miteinbezieht, liegen bei über 31 Mrd. Dollar.

In der Haager Landkriegsordnung von 1907 und dem Ersten Zusatzprotokoll von 1977 zur Genfer Konvention zum Schutz der Kriegsopfer wird ausdrücklich gefordert, Kulturgüter selbst im Krieg zu schützen. Und 1954 wurde noch gesondert die Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut in bewaffneten Konflikten verabschiedet.

Ukrainische Museen werden desungeachtet weiterhin im Zuge der russischen Vollinvasion zerstört. Es folgen einige Beispiele.

Das Museum für Landeskunde von Ochtyrka

Das Museum für Landeskunde von Ochtyrka ist eines der ersten Museen in der Ukraine, das die russische Vollinvasion zu spüren bekam. Das Gebäude wurde bei der Bombardierung von Ochtyrka in der Nacht vom 7. auf den 8. März 2022 beschädigt. Darüber informierte damals der Leiter der Militärverwaltung des Gebiets Sumy Dmytro Zhyvyzkyj.

2021 beging diese Institution ihr 100jähriges Jubiläum. Nach Auskunft der Direktorin Ljudmyla Mischtschenko bestand die Kollektion des Museums zu diesem Zeitpunkt über etwa 350 Exponate. Im Jahre 2024 teilte „Suspilne“ mit, dass das beschädigte Gebäude mithilfe finanzieller Zuwendungen erhalten werden konnte. Die Exponate wurden provisorisch anderweitig untergebracht, der Ort wird aus Sicherheitsgründen nicht bekanntgegeben.

Охтирський краєзнавчий музей до та після руйнування, фото з телеграм-каналу екскерівника Сумської обласної військової адміністрації Дмитра Живицького.

Museum für Landeskunde in Ochtyrka nach der Zerstörung. Foto aus dem Telegram-Kanal des ehem. Leiters der Militärverwaltung des Gebiets Sumy, Dmytro Zhyvyzkyj

Archip-Kujindzhy-Museum, Mariupol

Das Archip-Kujindzhi-Museum wurde am 21. März 2022 beim russischen Beschuss von Mariupol zerstört. Der Leiter der Nationalen Künstlergemeinschaft der Ukraine Kostjantyn Tschernjavskyj erklärte in „Lokalnyj istorii“ (Lokale Geschichte), dass sich Kyjindzhis Originale zum Zeitpunkt des Bombardements nicht im Museum befanden. In den Sälen wurden lediglich Kopien ausgestellt, die Andrij Jalanskyj und Oleksandr Olchovy angefertigt hatten. Allerdings wurden dort die Werke anderer bekannter ukrainischer Künstler aufbewahrt. Insgesamt besaß das Museum vor der Vollinvasion ungefähr 2.000 Exponate — Bilder, dekorative angewandte Kunst sowie Grafiken und Skulpturen.

Das Kujindzhi-Museum wurde 2010 im so genannten Heozyntov-Garten eröffnet, in einem Bau aus dem Jahre 1902. Vasyl Heozyntov ist in Mariupol als Mäzen und Gründer des Realgymnasiums von Mariupol bekannt.

Художній музей імені Архипа Куїнджі в Маріуполі, фото: Misto Mariupol

Kujindzhi-Museum in Mariupol. Foto: Stadt Mariupol

Das historische Museum für Landeskunde in Ivankiv oder das Prymatschenko-Museum

Am 28. Februar 2025 fing in Ivankiv, Gebiet Kyjiv, das historische Museum für Landeskunde durch russischen Artilleriebeschuss Feuer. Dort wurden die Werke der weltweit bekannten ukrainischen Künstlerin Maria Prymatschenko aufbewahrt. Die Staatsanwaltschaft des Gebiets informierte über den Brand und die Zerstörungen. Im Museumsbestand fanden sich mehr als zwanzig ihrer Werke. Ein Teil konnte von Museumsmitarbeitern und Ortseinwohnern gerettet werden. Nach der Zerstörung des Gebäudes nahm das Museum ein „zweites Leben“ in digitaler Form an. Das Ministerium für Kultur— und Informationspolitik der Ukraine gab bekannt, dass man 3D-Führungen durch das Museum organisieren kann — eine virtuelle Exkursion, die 2022 erstellt wurde.

Музей Григорія Сковороди у селі Сковородинівка на Харківщині, фото: ХПГ

Museum der ukrainischen Künstlerin Marija Primatschenko in Ivankiv, 2022. Foto: Ministerium für Kultur und Informationspolitik der Ukraine

Landgut König, Trostjanez

In der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 2022 stand Trostjanez unter Artilleriebeschuss. Dadurch wurde das Landgut König (auch bekannt als Holizyn-Haus) beschädigt — ein Denkmal für Geschichte und Architektur-Denkmal von nationaler Bedeutung aus dem 19. Jahrhundert, das im Nationalen Register für immobile Denkmäler der Ukraine verzeichnet ist.

Das Landgut gehörte fast ein halbes Jahrhundert, seit 1832, dem Fürsten Vasyl Holizyn. 1881 ging es in den Besitz des Zuckerfabrikanten Leopold König über, der eine Rekonstruktion des Gebäudes vornahm. Bis zum Krieg befand sich hier das Museums-Ausstellungszentrum „Trostjanezkij“, insbesondere ein Ausstellungsraum, der Peter Tschajkovskij gewidmet war, und das Schokoladenmuseum, das 2012 im linken Flügel des Palastes eröffnet wurde.

Jevhen Malovitschko, der Direktor des Zentrums, berichtete, dass der Flügel mit der landeskundlichen Ausstellung den größten Schaden davongetragen hat. Schäden gibt es auch im Inneren des Gebäudes. Nach vorläufigen Schätzungen von Fachleuten werden die Wiederherstellungsarbeiten viele Millionen Hryvna kosten.

Садиба Кеніга, Ігор Стрельцов / Суспільне Суми

Landgut König, Igor Strelzov / Suspilne Sumy

Hryhoriy-Skovoroda-Museum, Skovorodnynivka

In der Nacht zum 7. Mai 2022 zerstörten russische Truppen beim Beschuss im Gebiet Charkiv das Nationale Literarische Gedenk-Museum für Hryhoriy Skovoroda in der Ortschaft Skovorodynivka. Von dem Angriff berichtete der Stadtrat von Solotschiv auf Facebook. Das Museum lag auf dem ehemaligen Anwesen der Gutsbesitzer Kovalivskyj. Hryhorij Skovoroda hatte hier die letzten vier Jahre seines Lebens verbracht, die Zeit von 1790 bis 1794.

Nach dem Raketeneinschlag geriet das Gebäude in Brand. Das Feuer vernichtete etwa 280 Quadratmeter des Gebäudes. Die wertvollsten Exponate konnten gerettet werden, ein Teil der Bestände war im Voraus evakuiert worden, ein weiterer Teil nach Beginn des Brandes.

Am 4. Juli 2024 berichtete der SBU (der ukrainische Sicherheitsdienst), dass die Sammlung von Beweisen abgeschlossen und gegen den Kommandeur des 159. Jagdfliegerregiments des Westlichen Militärbezirks der russländischen Streitkräfte Ivan Pantschenko Anklage erhoben worden sei. Nach Angaben der Ermittlung war auf seinen Befehl von einem Su-35S-Kampfflugzeug eine Turbojet— X-35-Anti-Schiffs-Rakete auf den Museumskomplex abgefeuert worden.

Trotz erheblicher Zerstörungen gehen Experten davon aus, dass man das Gebäude restaurieren kann. Am 30. November 2023 schloss das kommunale Nationale Skovoroda-Museum mit dem Ukrainischen staatlichen Institut für Wissenschaft, Aufklärung und Projekte „UkrNDIprojektrestavrazija“ einen Vertrag ab zur Ausarbeitung eines Projekt— und Kostenplans zur Wiederherstellung des Hauses, in dem der Philosoph gelebt hatte. Die Kosten für diese Arbeiten werden bei 3.44 Millionen Hryvna liegen.

Музей Григорія Сковороди у селі Сковородинівка на Харківщині, фото: ХПГ

Hryhorij-Skovoroda-Museum in Skovorodynivka im Gebiet Charkiv. Foto: Charkiver Menschenrechtsguppe (ChPG)

Museum für Landeskunde Kupjansk

Am 25. April 2023 griffen die russischen Streitkräfte zweimal das Museum für Landeskunde von Kupjansk an. Dadurch wurde es de facto vernichtet. Nach Aussage der Direktorin des Charkiver Historischen Museums, Olha Soschnikova, war das Landeskunde-Museum von Kupjansk bis zur Vollinvasion eines der bedeutendsten Museen im Charkiver Gebiet und ein wichtiges Kulturzentrum der Stadt.

Nach Beginn der Vollinvasion 2022 war das Kupjansker Museum für Landeskunde unter russischer Besatzung. Die Direktorin Iryna Osadtscha, die später beim Beschuss des Museums ums Leben kam, konnte einen Teil der wertvollsten Exponate retten. Insbesondere versteckte sie gemeinsam mit engagierten Ortsansässigen die alten ukrainischen Hemden in unterschiedlichen Häusern, um zu verhindern, dass sie zerstört oder gestohlen wurden.

Nach der Deokkupation von Kupjansk wurde ein Teil der Kollektion ins Charkiver historische Museum evakuiert. Insgesamt verfügt die Kollektion des Kupjansker Museums über mehr als 1.000 Objekte.

Краєзнавчий музей у Куп’янську, фото: Олександр Магула, Ґвара Медіа

Museum für Landeskunde in Kupjansk. Foto: Oleksandr Mahula. Gvara Media

Die oben geschilderten Beispiele sind nur ein Bruchteil der Fälle, die dokumentiert wurden. Und die Zerstörung ukrainischer Museen dauert an.

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