Was macht ein Militärseelsorger und wer braucht ihn? Und was haben gefüllte Teigtaschen damit zu tun?

Oleh Sydorenko, Oberstleutnant der Ukrainischen Streitkräfte, erinnert sich an eine Geschichte aus dem Dienst.
Andrij Didenko27. März 2024UA DE EN ES FR RU

Ich heiße Oleh Sydorenko. Ich bin Oberstleutnant der Ukrainischen Streitkräfte, Kommando Landstreitkräfte. Früher war ich Offizier des Innenministeriums, Oberst der Miliz. Und Diener des Herrn Jesus Christus.

Was ist das in erster Linie, ein Seelsorger? Ich hatte einmal ein Gespräch mit einem Pastor, der sagte: „Wodurch unterscheidet sich der Dienst eines Geistlichen von dem eines Predigers? Ein Prediger geht umher und predigt, bringt den Menschen die Botschaft des Heils. Macht das ein Seelsorger nicht etwa auch?“
Nein. Arbeit und Ziel sind dasselbe. Aber die Richtung, der Vektor der Arbeit ist ein ganz anderer, denn ein Seelsorger, das ist auch ein Prediger, aber in einem ganz bestimmten beruflichen Umfeld. Seine Aufgabe ist es nicht, einfach die frohe Botschaft zu überbringen, sondern unabdingbarer Teil des Kollektivs zu werden.

Ілюстрація: Марія Крикуненко / Харківська правозахисна група Illustration: Mariia Krykunenko/Kharkiv Human Rights Protection Group Иллюстрация: Мария Крикуненко / Харьковская правозащитная группа

Marija Krykunenko / Charkiver Menschenrechtsgruppe

Ich muss an einen Fall denken. 2015 gab es in der 28. Brigade einen Koch mit dem Rufnamen „Kosmos“, der in der letzten Zeit sehr bekümmert war. Er konnte ausgezeichnet kochen. Das war eine Männermannschaft, eine militärische Einheit bestehend aus 28 Personen. Und er war der Koch dieser Einheit. Niedergeschlagen lief er herum, wusste nicht, wohin mit sich. Als ich mich mit ihm unterhielt, stellte sich heraus, dass er Probleme mit seiner Frau hatte. Sie war müde. Früher war ihr Mann Zivilist gewesen, hatte direkt in ihrer Nähe in einem Restaurant als Koch gearbeitet. Und dann war er in den Krieg gezogen. Und verbrachte seine ganze Zeit nicht mehr mit ihr und den zwei Söhnen, sondern mit seinen Kriegskameraden. Sie wollte sich scheiden lassen. Ich bat um die Telefonnummer seiner Frau und redete mit ihr.

Ich erzählte Natalija, wie schwer es hier für uns an vorderster Front ist. Wie sehr man die Nähe familiärer Wärme spüren möchte, eine gewisse Fürsorge, eine häusliche Behaglichkeit.

Diese schafft eben ein Koch, der nicht einfach nur Kartoffeln kocht, sie auf den Tisch stellt und eine Dose mit geschmortem Fleisch öffnet. Ihr Mann hatte zum Beispiel bei Stanyza Luhanska einen improvisierten Ofen aus Eisenplatten gebaut. Aus Mehl und Wasser Teig gemacht. Und aus geschmortem Dosenfleisch und Zwiebeln machte er Hackfleisch, weil es andere Lebensmittel an der Front nicht gab. Auf diese Weise bereitete er gefüllte Teigtaschen zu: gebraten direkt auf einem gewöhnlichen Kanonenofen, der mitten im Zelt stand.

Wie kann sich die Laune da nicht verbessern, wenn man im Feld unter diesen schrecklichen Bedingungen ist, wo es vorkommt, dass man in einer Pfütze aufwacht, weil es nachts geregnet hat. Unter solchen Bedingungen gibt es natürlich keine gute Stimmung. Und dann macht dir der Koch so ein Gericht. Scheinbar aus einfachen Lebensmitteln hergestellt, aber es hebt die Stimmung.

Als ich Natalija erzählte, dass von einem Menschen, von ihrem Mann, der Verlauf der Kampfhandlungen abhängt, und das heißt der Frieden, die Ruhe in unserem Land und in seiner Familie, veränderte sie ihre Haltung ihm gegenüber. Als sie sich nach einiger Zeit trafen, war er sehr glücklich und dankte dafür, dass es einem Seelsorger gelungen war, die Familie zu retten.

Обід у польових умовах, ілюстративне зображення Depositphotos [українські військові обідають, війна] Lunch in the field, illustrative image Depositphotos Обед в полевых условиях, иллюстративное изображение Depositphotos

Mittagessen im Feld, Depositphotos

Die Sache ist die, es besteht ein großer Unterschied gibt zwischen psychologischer Hilfe für Menschen, die an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden, und der spirituellen Hilfe eines Seelsorgers. Den Psychologen kann man mit einem Arzt in einer Ambulanz vergleichen. Es geht Ihnen schlecht, der Hals tut weh und Sie gehen zum Arzt. Der Arzt untersucht Sie, stellt ein Rezept aus und verschreibt die Behandlung. Wenn es Ihnen wieder besser geht, gehen Sie zu ihm und er beendet Ihren Krankenstand. Ein Psychologe macht das Gleiche.

Was macht ein Seelsorger? Wenn ein Mensch krank ist, kommt er ins Krankenhaus und wird von einem persönlichen Arzt betreut. Und von Anfang an — von der Diagnose über den Heilprozess bis zur völligen Gesundung — ist der Arzt ständig bei dem Kranken. Jeden Tag führt er eine Visite durch, läuft durch das Krankenzimmer, wo er mit jedem Kranken direkt spricht. Wenn nötig, ändert er die Behandlung. Er kümmert sich um die Gesundheit des Patienten, unterhält sich mit ihm. Und entlässt schließlich einen gesunden Menschen.

Ein Mensch hat zum Beispiel eine Posttraumatische Belastungsstörung. Ein Seelsorger spricht mit den Menschen, die ihn umgeben. Spricht mit seinem Kommandeur. Bittet den Kommandeur, gegen diesen Soldaten nicht die Stimme zu erheben, weil der sich im Stadium einer Posttraumatischen Belastungsstörung befindet.

Weiter geht es mit den familiären Beziehungen. Man telefoniert mit der Ehefrau, den Kindern und der Mutter. Bittet sie, den Soldaten mehrmals täglich anzurufen, ihm zu sagen, wie sehr sie ihn lieben, wie sehr sie ihm vertrauen. Dass man sich dank ihm beschützt fühlt, weil er im Krieg ist.

Der Mensch wird angefüllt mit Emotionen, zusätzlich spricht der Seelsorger mit ihm, erzählt ihm Geschichten aus der Bibel mit Helden aus der Zeit des Alten Testaments und des Neuen Testaments. Vor allem von dem wichtigsten Helden, Jesus, der auch Angst hatte. Der sich auch gefürchtet hat. Der auch unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung litt, die sich genau da zeigte, als er im Garten Gethsemane betete. Diese Beispiele helfen dem Soldaten oder der Soldatin, sich von diesem Zustand zu befreien und ein normales Mitglied des Teams zu werden.

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Ukrainischer Soldat, Depositphotos

In erster Linie bin ich selber Soldat, deshalb ist es etwas leichter, mit ihnen die Sprache der Soldaten zu sprechen. Zweieinhalb Jahre war ich an vorderster Front in den Kampfeinheiten der 28. Mechanisierten Brigade. Deshalb war es jeden Tag ein und dasselbe. Wenn eine Schlacht begann, sagte ich inbrünstig: „Jungs, Jesus Christus selbst führt uns in diesen Kampf! Er ist doch ein Sieger! Er hat den Sieg auf Golgatha errungen und führt uns nun als Sieger über die ganze Finsternis in dieser Welt zu unserem Sieg! Er ist mit jedem von uns! Er hilft euch, genau zu zielen! Er hilft euch, schnell eure Magazine zu laden! Er ist mit euch, denkt daran! Die Hoffnung ruht nur auf Jesus. Nur mit ihm werden wir den Sieg erringen! Vorwärts, mit Jesus zum Sieg!“

Solche Worte habe ich ihnen vor der Schlacht gesagt. Und nach der Schlacht, wenn jemand verletzt wurde, waren die Worte der Unterstützung: Jesus wird immer bei euch sein. Sogar nachts, wenn der Arzt zum Beispiel mit Anderen beschäftigt ist, wenn die Krankenschwester oder einer von den Kameraden neben dir eingeschlafen ist und du allein bist, denk daran, du bist nicht allein.

Neben deinem Bett sitzt Jesus, der immer sagt: „Das gibt es nicht, dass ich müde bin. Es gibt kein ‚Warte, ich muss mit anderen reden, ich muss weg, mich um meine Angelegenheiten kümmern, entschuldige, ich will jetzt alleine sein.‘“ So etwas wird Jesus niemals sagen.

Er wird immer sagen: „Gib mir deine Hand, ich werde deine Handfläche in meine nehmen. Ich werde dich festhalten. Ich werde dich nicht loslassen, ich werde so lange bei dir sitzen, wie es nötig ist. Und ich werde dir die ganze Zeit zuhören, immer. Sprich nur mit mir, ich will dir zuhören, ich will dich hören. Ich will dir helfen. Verlass mich nicht und ich werde dich niemals verlassen, weil du Mein bist.“

Die Aufgabe eines Seelsorgers ist es nicht, zur Reue, zur Taufe oder in die Kirche zu führen. Das ist die Sache Gottes. Unsere Aufgabe ist es, mit Jesus Christus bekannt zu machen. Zu erzählen, wie gut er ist, liebend und beständig Seine Liebe wird ewig dauern. Das ist unsere Aufgabe.

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Ukrainischer Soldat, Depositphotos

Mir gefallen die Erfahrungen in den USA sehr gut, wo die Menschen, die aus dem Krieg in Afghanistan und im Irak zurückkehrten, sofort den für sie so wichtigen obligatorischen Urlaub mit der Familie erhielten: mit der Frau und den Kindern. Das müssen unbedingt Veranstaltungen sein, die kulturelle Programme beinhalten, den Besuch bei Künstlern, die Veranstaltung von Konzerten, Wettbewerben und Wettkämpfen. Die Menschen sollen nicht in einen passiven Urlaub fahren, sich an den Strand legen, zu Mittag und zu Abend essen und schlafen gehen. Nein!

Es ist nötig, dass spezielle Gruppen sie ständig sozial eingliedern, ihnen zu verstehen geben, dass sie ein unabdingbarer und unerlässlicher Teil der Gesellschaft sind. Sie sind eine Schraube.

So sind Schweizer Uhren gut und zuverlässig, aber dreht man das kleinste Schräubchen heraus, gehen sie nicht mehr. Man muss jedem Soldaten erklären, dass er und seine Familie ein notwendiger Bestandteil der Gesellschaft sind, die er beschützt hat, für die er seine Gesundheit gegeben hat und womöglich auch einen Teil seines Körpers. Diese Programme muss es auf staatlicher Ebene geben und nicht auf freiwilliger Basis.

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Ukrainischer Soldat, Depositphotos

Dann folgt die soziale Anpassung. Wenn der Mensch schon nicht mehr arbeitet, muss es eine enge Zusammenarbeit mit den Arbeitsämtern geben, die sich auf den Beruf stützt, den der Frontsoldat mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung hat. Es ist notwendig zu wissen, wo man diesen Menschen mit einer für ihn höchstmöglichen Effektivität einsetzen kann. Nicht für den Staat, sondern für ihn.

Sagen wir mal, ich bin aus dem Krieg zurückgekehrt und wir brauchen jetzt Bauarbeiter, aber ich bin kein Bauarbeiter, ich kann das nicht machen. Ich bin Journalist, Poet, Komponist. Man muss diesen Menschen unbedingt in diese Tätigkeit einbinden. Wenn man den Menschen mit diesem Problem alleine lässt, wird er niemals zur Arbeitsvermittlung gehen, er wird sich keine Arbeit suchen. Er wird sich mit jedem Tag mehr und mehr in sich selbst verschließen, wie eine Schnecke in ihr Häuschen. Und schließlich wird er dort auch umkommen. Er wird da nicht mehr herauskommen.

Wenn sich die Gesellschaft um die Soldaten, die aus dem Krieg zurückkehren, kümmert, wird sie aufblühen, weil diese Menschen alles Mögliche tun werden, um ihr ganzes Wissen, ihr Können und ihr Streben in dem Bereich zu verwirklichen, in dem ihnen geholfen wird, sich selbst zu finden.

Krieg, das ist Kampf. Das ist der Kampf zwischen der Finsternis und dem Licht. Das Licht erringt immer den Sieg, aber die Dunkelheit wird nicht einfach so ihre Waffen strecken. Das Dunkle nutzt alle seine Mittel, damit es weniger Licht auf dieser Welt gibt, weniger Liebe, weniger Gutes. Weniger Achtung der Menschen voreinander. Und solange dieser Kampf andauert, sind wir verpflichtet, alles unsere Kräfte zu bündeln, alle unsere Gebete an Gott zu richten. Aber dazu müssen wir unsere Herzen reinigen. Gott braucht keine unaufrichtigen Menschen, die Unaufrichtigen können nicht mit Gott kommunizieren. Zuallererst muss jeder sein Herz läutern. Sich um 180 Grad von der Sünde abwenden und sich Gott zuwenden. Mit dem Rücken zur Finsternis und zum Bösen.

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