Die Unsrigen sind zu Hause: 207 Ukrainer wurden aus der Gefangenschaft zurückgeholt

Am 31. Januar konnten über 200 Soldaten und Zivilisten aus russischer Gefangenschaft befreit werden.
Iryna Skatschko10. Februar 2024UA DE EN ES FR RU

Фото з телеграм-каналу Володимира Зеленського Photo from Volodymyr Zelensky’s telegram channel Фото из телеграмм-канала Владимира Зеленского

Foto aus dem Telegram-Kanal von Volodymyr Selenskyj

„Die Unsrigen sind zu Hause. 207 Personen. Wir holen sie zurück, trotz allem. Wir vergessen niemanden in der Gefangenschaft. Weder Soldaten noch Zivilisten. Wir müssen alle zurückholen. Wir arbeiten daran.“ Dies schrieb Selenskyj in seinem Telegram-Kanal.

Unter denen, die zurückgeholt werden konnten, sind Zivilisten und Soldaten, insbesondere Ärzte aus dem Metallbetrieb in Mariupol und aus „Asovstal“, Verteidiger der Schlangeninsel und zwei Brüder, die in Gefangenschaft geraten waren. Und ein Soldat kehrt zurück, dessen Frau und Tochter bei einem Raketenangriff auf Dnipro getötet wurden.

„Aus der feindlichen Gefangenschaft konnte der Unteroffizier Sachar gerettet werden. Er war mit seiner Frau Tetjana nach der Evakuierung aus Asovstal im Mai 2022 in die Hände der russischen Terroristen gefallen. Nach weniger als einem halben Jahr konnte die Frau ausgetauscht und in die Ukraine zurückgebracht werden. Tetjana zog mit ihren beiden Töchtern nach Dnipro. Am 14. Januar griffen die Russen das mehrstöckige Haus, in dem die Familie lebte, mit einer Rakete an. Die Frau, ihre jüngere Tochter und ihre Schwiegermutter kamen unter den Trümmern ums Leben. Die ältere 19-jährige Tochter Ruslana erwartet heute die Rückkehr ihres Vaters“, so der Koordinierungsstab für Kriegsgefangene.

„Dann gibt es für die zurückgekehrten Soldaten ein warmes Abendessen, sie bekommen saubere Kleidung und werden medizinisch untersucht, erhalten Dokumente, eine Bankkarte und eine Rehabilitation“, betonte der Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez.

Der bevorstehende Austausch wurde vom Absturz des Transportflugzeuges Iljuschin IL-76 am 24. Januar im Gebiet Belgorod überschattet. Die russischen Machthaber behaupten, dass sich darin 65 ukrainische Kriegsgefangene befunden hätten und machen die ukrainischen Streitkräfte für die Katastrophe verantwortlich. Über Propaganda-Medien verbreiteten die Russen eine „Liste getöteter Ukrainer“. Später fand man Ungereimtheiten in der Liste, beispielsweise war darin der Name eines Gefangenen aufgeführt, der bereits am 3. Januar ausgetauscht worden war.

Außerdem sind auf den von Russland veröffentlichten Fotos vom Absturzort keine Leichen zu sehen. Fragen wirft auch die von der Russischen Föderation (RF) angegebene Zahl der Russen auf, die die Begleitmannschaft der Ukrainer stellten. Es ist von drei Personen die Rede. Nach Aussagen früher freigekommener Kriegsgefangener waren bei den vorherigen Austauschaktionen wesentlich mehr Bewacher dabei. Die Ukraine hat sich an die UNO gewandt und eine unabhängige Untersuchung der Katastrophe gefordert. Allerdings hat sich Russland nach Auskunft des SBU geweigert, internationale Experten zur Untersuchung des Absturzes der IL-76 zuzulassen. Die ukrainische Seite betont, Russland habe ihr nichts über etwaige Pläne mitgeteilt, Kriegsgefangene gerade mit diesem Flugzeug und über eine Route zu transportieren, auf der die Russen gewöhnlich Waffen an die Frontlinie schaffen.

Nach Artikel 46 der Genfer Konvention über die Behandlung der Kriegsgefangenen muss der „Gewahrsamsstaat (…) alle nützlichen Vorsichtsmaßnahmen treffen, namentlich für den Fall einer Meer‑ oder Luftreise, um die Sicherheit während der Überführung zu gewährleisten, und vor der Abreise eine vollständige Liste der übergeführten Gefangenen aufstellen.“

Bei dem Austausch wurden Ukrainer zurückgebracht, die schon am 24. Januar hätten ausgetauscht werden sollen, außer den 65 Personen, von denen die russische Seite behauptet, sie seien umgekommen. Dies erklärte der Vertreter der Hauptverwaltung des militärischen Nachrichtendienstes Andrij Jusov gegenüber „Ukrinform“. Beweise für den Tod der ukrainischen Kriegsgefangenen liegen der ukrainischen Seite bisher nicht vor, die Leichen der mutmaßlich Getöteten gibt Russland nicht heraus.

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Der letzte Gefangenenaustausch hatte am 3. Januar stattgefunden. An diesem Tag kehrten 230 ukrainische Bürger nach Hause zurück, Soldaten sowie auch Zivilisten. Das war der erste Austausch nach einer langen, sich über fünf Monate hinziehenden Pause. „Unter den Zurückgekehrten waren 182 Personen mit offiziellem Kriegsgefangenenstatus und ukrainische Soldaten, die als vermisst galten (48 Personen)“, so hieß es am 3. Januar im Koordinationsstab für Kriegsgefangene. „Unter den Freigekommenen waren überwiegend Männer (225), gegenüber fünf Frauen. 213 waren gemeine Soldaten und Unteroffiziere, elf waren Offiziere.“ Darunter fanden sich Verteidiger von Mariupol, von „Asovstal“ und der Schlangeninsel. 90% der Gefangenen, die zurückgeholt werden konnten, waren in Russland gefoltert worden.

„Ihr Gesundheitszustand ist ziemlich schlecht, weil die russische Gefangenschaft, gelinde gesagt, kein Erholungsort ist. Die meisten bedürfen einer Rehabilitation, wenn nicht gar eine sofortige medizinische Intervention. Manche haben chronische Krankheiten, die ebenfalls behandelt werden müssen“, erklärte Petro Jazenko, der Leiter der Presseabteilung des Koordinierungsstabs, nach dem Austausch am 3. Januar.

Seit Beginn der großangelegten Invasion wurden bereits 3.035 Verteidiger und Verteidigerinnen zurückgeholt. Nach Auskunft des Koordinierungsstabs ist genau bekannt, dass sich über 8.000 Ukrainer in Kriegsgefangenschaft befinden, sowohl Soldaten als auch Zivilisten, deren Aufenthaltsort bestätigt wurde. „Aber etliche Zehntausend Personen, Zivilisten und Kriegsgefangene, sind als vermisst gemeldet“, konstatierte Jurij Taranjuk vom Koordinierungsstab für Kriegsgefangene gegenüber Interfax.

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