Stimmen des Krieges — ‚Wir hatten Angst, verstümmelt zu werden’

Das Haus von Svitlana Holovata aus Moschtschun ist bis auf die Grundmauern zerstört. Betten, Schränke, alle Möbel aus Holz, selbst der Fernseher — alles ist verbrannt. Die Frau sagt, es fühle sich an, als sei im Haus nichts gewesen.
Oleksii Sydorenko15. Juni 2023UA DE EN ES FR IT RU

Svitlana Holovata

Ich heiße Svitlana Ivanivna Holovata. Ich wohne im Dorf Moschtschun in der Lisna-Straße. Vor dem Krieg habe ich im Geschäft „Fora“ gearbeitet. Jetzt arbeitet natürlich niemand mehr. Unser „Fora“ ist zerstört, deshalb bleiben wir jetzt zuhause.

Hätten Sie vorstellen können, dass es zu einem großangelegten Krieg kommen würde?

Nein! Das hätte ich nicht. Ich hatte für alle Fälle die Dokumente bereit gelegt, aber die sind im Prinzip immer zusammen in einem Paket. Mehr hatte niemand gepackt. Keinerlei Sachen, weil wir es einfach nicht glaubten. Am 24. gingen wir in Ruhe zur Arbeit. Um drei Uhr sagte man uns, wir sollten schließen. Mein Mann kam gefahren und holte mich ab. Aber am 25. ging ich wieder zur Arbeit. Ich sagte, dass wir doch die Menschen mit Lebensmitteln versorgen müssen. Aber „Fora“ wurde nicht wieder aufgemacht. Wir sind gerade noch so davongekommen, kann man sagen. Denn die Bombardierungen hatten schon begonnen. Sie begannen, die Brücke zu bombardieren und danach blieben wir natürlich zu Hause.

Erzählen Sie vom ersten Tag der russischen Invasion, wie ging das alles vor sich?

Am ersten Tag war ich bei der Arbeit. Mein Mann rief ständig an und erzählte von Hubschraubern, die vorbeiflogen. Dann sahen wir, dass der Flughafen in Hostomel bombardiert wurde. Flugzeuge, Hubschrauber — wir haben das alles gesehen. Es gab noch keine Anflüge bei uns. Sie bombardierten Hostomel.

Dachten Sie nicht daran zu fliehen?

Nein! Wir dachten, dass sie irgendwie vorbeiziehen oder sich zurückziehen würden. Wir hatten überhaupt nicht geplant wegzugehen. Ich wollte auch am zweiten des Monats nicht weg. Wir haben eine alte Großmutter und einen Sohn, nur deshalb bin ich weggegangen. Am Anfang war ich völlig dagegen zu gehen.

Was hat Sie dann zur Flucht veranlasst?

Dass sie eine betagte Person ist, hat mich gezwungen, ich machte mir große Sorgen um sie. Und ehrlich gesagt, als die Bombardements so heftig waren, hatten wir große Angst, dass wir verstümmelt würden, und nicht getötet. Was hätten wir tun sollen, wenn wir verstümmelt würden? Es war furchtbar.

Wo haben Sie sich während der Bombardements versteckt?

Im Keller. Wir lernten irgendwie zu unterscheiden, in welche Richtung es ging. Wenn es aus unserer Richtung kam, dann wussten wir, dass es uns auch treffen würde, und dann gingen wir mit der Großmutter und unserem Sohn nach unten. Wir leben zu viert hier. Ich, mein Mann, seine Mutter und unser Sohn.

Erzählen Sie von Ihrem Haus.

Das Haus hat zwei Ausgänge. Ungefähr 120 Quadratmeter. Wir hatten zwei Zimmer, eine Küche, ein Bad, einen Korridor. In der anderen Hälfte wohnte mein Sohn. Er hatte auch zwei Zimmer, eine Küche und einen großen Korridor. Wir hatten vor, ihm eine zweite Etage zu bauen. Das Haus ist wahrscheinlich etwa 40 Jahr alt, mein Schwiegervater und die Schwiegermutter haben es noch gebaut. Danach haben wir unseren Teil gebaut: mit einem eigenen Eingang für meinen Mann und mich. Wir leben schon 25 Jahre zusammen und so lange bauen wir auch schon. Dort haben wir eine Garage und eine Küche gebaut.

Wann gab es die ersten Zerstörungen in Ihrem Dorf?

Die erste Zerstörung war bei unserem Nachbarn im Garten. Das war ein Treffer mitten in sein Haus, das sofort aufloderte. Es wurde nicht mal mehr gelöscht, obwohl Feuerwehrleute da waren. Auch unser Haus wurde getroffen, aber zum Glück explodierte das Geschoss nicht. Wir waren zu diesem Zeitpunkt alle im Haus, Großmutter lag im Bett und wir legten uns im Zimmer auf dem Boden. Ich machte Mittagessen und sagte, dass ich nicht in den Keller gehen würde. Und da blieben wir alle. Die Großmutter schlief in diesem Moment, sie ist schon achtzig Jahre alt. Wir wollten sie nicht aufwecken und beschlossen, im Zimmer zu bleiben. Durch welches Wunder wir gerettet wurden, weiß ich nicht. Wenn das Geschoss explodiert wäre, dann … Wir waren alle im selben Raum.

Wohin war es denn geflogen?

Unter das Haus. Das Geschoss ist neben dem Gaszähler eingeschlagen, aber die Gasleitung wurde nicht beschädigt. Das war am 27. des Monats. Es ist einfach nicht explodiert und fertig. Am Anfang machten wir uns Sorgen. Es war auf ein Verlängerungskabel gefallen: Wir hatten kein Licht und schlossen uns an den Generator der Nachbarn an, um wenigstens das Telefon aufzuladen. Den Generator schalteten wir nicht ein, weil wir Angst hatten. Die Granate lag genau auf den Leitungen. Wir liefen herum und schauten sie uns an. Und da lag sie und lag.

Haben Sie danach im Haus übernachtet?

Natürlich! Ich sagte, dass ich nicht im Keller übernachten würde. Wir gingen nur tagsüber runter. Dann standen wir jeden Morgen auf, gingen in den Hof und unterhielten uns. Niemand tat irgendetwas, weil wir nicht wussten, was wir tun sollten. Wir wussten das überhaupt nicht. Lebten eben, wie wir konnten. Ich machte Mittagessen für alle.

Wann entschlossen Sie sich wegzugehen und warum?

Am zweiten des Monats ging ich zu meiner Schwester, um Dokumente meiner Nichte abzuholen, sie hatte Dokumente dagelassen, die sie nicht brauchte. Da kam ihr Mann angelaufen und sagte: „Wir fahren weg!“ Ich sage: „Wie, wir fahren weg? Wir fahren nirgendwo hin!“ Und er sagt: „Doch, wir fahren weg, weil sie gesagt haben, dass wir weg müssen.“ Gott sei Dank hatten wir ein Auto. Was uns geblieben war, war das Auto, mit dem wir wegfuhren. Es war aufgetankt.

Zuerst fuhren wir ins Gebiet Poltava zu meinem Vater. Wir fuhren zu fünft, ein Nachbar fuhr noch mit uns, weil er allein dort zurückgeblieben war und keine Möglichkeit hatte, weg zu kommen. Und wir waren dort zu fünft zwei Monate lang in einem Zimmer

Ehrlich gesagt, hatte ich einfach nur für zwei, drei Tage wegfahren wollen, nicht länger. Ich war noch besorgt, dass der Gefrierschrank nicht vollkommen abgetaut war. Ich hatte nicht vor, für länger fort zu sein. Aber dann begannen sehr heftige Kämpfe. Am 7. und 8. des Monats transportieren die Freiwilligen die letzten Leute hinaus, die nicht selbständig wegfahren konnten, die in ihren Kellern geblieben waren. Wir hatten keine Verbindung und es war unmöglich, jemanden anzurufen. Wir wussten schon, dass wir nicht zurückkehren können, weil es Kämpfe gab.

Wann erfuhren Sie, dass Ihr Haus zerstört ist?

Ein junger Mann, der bei uns wohnte, sagte es mir. Ihm war es irgendwie gelungen, zu uns zu kommen. Er sagte: „Tante Svitlana, entschuldigen Sie, aber Ihr Haus gibt es nicht mehr.“ Er sagte das am 10. März. Das Haus war am 7. oder 8. zerstört worden, aber er wollte mir den Feiertag nicht verderben. Deshalb hat er es nicht gleich gesagt.

Wann entschlossen Sie sich, zurückzugehen?

Wir warteten bis zum 9. Mai. Wir wollten viel früher zurück, aber wir warteten, Am 10. fuhren wir. Alle, die früher gekommen waren, hatten unser Haus fotografiert und uns Fotos geschickt. Deshalb waren wir schon vorbereitet. Das Haus ist völlig zerstört. Es ist, als ob es in dem Haus weder Renovierungen gegeben hätte noch Möbel. Alles ist verbrannt. Das einzige, was übrig ist, ist der Kühlschrank, die Spülmaschine und der Boiler.

Betten, Schränke, alle Holzmöbel, sogar der Fernseher — alles ist verbrannt. Es ist, als wäre hier nie etwas gewesen. Die Sommerküche und die Garage sind komplett niedergebrannt.

Als wir hierher fuhren, hatten wir gehofft, dass die Sommerküche heil geblieben ist. Die war vollständig renoviert, man hätte einziehen und dort wohnen können. Und mein Friseursalon, den ich nicht eröffnet habe. Wir hatten daran gedacht, zwei Räume zusammenzulegen. Das planen wir jetzt auch zu tun, wenn wir Hilfe bekommen. Denn aus eigener Kraft ist das einfach nicht realistisch, derzeit sind alle ohne Arbeit. Mein „Fora“ plant jetzt nicht, wieder aufzumachen. Mein Mann hat auch keine Arbeit. So ist es jetzt.

Kamen die Besatzer in Ihr Dorf?

Höchstwahrscheinlich wohnten sie hier. Sie gingen zu einem Mann, der in seinem Haus geblieben war. Ich glaube, sie versteckten sich in den Kellern der zerstörten Häuser. In unserem Keller war aus irgendeinem Grund niemand. Bei uns im Keller ist alles heil: die Kartoffeln, Konserven. Vielleicht weil es noch mehr Häuser in der Nähe gab. Aber an der Stelle, wo die zerstörten Häuser stehen, hat man uns Wasser und Lebensmittel gezeigt, die im Keller standen. Man konnte sehen, dass dort jemand gelebt hatte oder sich versteckt hatte, und das waren nicht unsere Leute.

Wo wohnen Sie jetzt?

Wir wohnen jetzt bei meiner Schwester. Sie ist zum Arbeiten ins Ausland gegangen. Ich wohne in ihrem Haus in der Nähe von Moschtschun. Meine Nichte ist nach Ivano-Frankivsk gegangen und dort geblieben, um zu arbeiten. Sie hat sich eine Wohnung gemietet. Wir sind drei Schwestern. Morgen kommt die andere Schwester, deren Haus auch komplett zerstört ist. Deshalb werden wir zusammen wohnen. Bei uns steht wenigstens noch irgendwas, aber bei ihnen gibt es überhaupt nichts mehr.

Was planen Sie als Nächstes zu tun?

Wiederaufbauen. Zuerst bauen wir die Sommerküche und die Garage wieder auf. Dort werden wir einziehen. Alle Verwandten natürlich, aber ich möchte trotzdem für mich auf dem eigenen Hof wohnen. Und das bedeutet, er wird wieder aufgebaut.

Hat sich Ihre Haltung den Russen gegenüber verändert?

Sehr stark! Erstens weil Krieg ist. Zweitens verstehe ich nicht, ob sie wirklich zombierte Menschen sind oder ob sie nicht verstehen, was bei uns vor sich geht. Sie verstehen nichts, sie unterstützen uns nicht. Ich habe jetzt eine sehr schlechte Einstellung den Russen gegenüber. Ich will sie nicht sehen, ich will sie nicht hören, nichts will ich von ihnen!

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