Am Rande einer kommunalen Katastrophe

Russlands Angriffe auf Energieanlagen bedrohen das Leben der Kyjiver Zivilbevölkerung.
Serhij Okunjev05. Februar 2026UA DE FR RU

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Nach der Überflutung beschädigte Wohnung im Petschersker Bezirk der Hauptstadt. Foto: Serhij Okunjev

Der Winter 2025-2026 ist schon jetzt für das ukrainische Stromnetz der schwierigste geworden. In den letzten Monaten gab es nur wenige Tage, an denen der Feind die zivile Energieinfrastruktur nicht angegriffen hat, von kombinierten Attacken gegen Großanlagen wie Wärme— und Wasserkraftwerke bis zum fast täglichen Drohnenterror gegen die front— und grenznahen Energiebetriebe.

In der Hauptstadt war der Januar der erste Monat, in dem Tausende Einwohner nicht nur ohne Strom, sondern auch ohne Heizung leben mussten. Während aber der Strom nach einem Angriff ggf. jederzeit wieder angeschaltet werden kann, droht nach dem Ausfall der Heizung bei Rekord-Minusgraden eine ausgesprochene kommunale Katastrophe.

Wenn die Heizung für etwa 15-20 Stunden und länger ausfällt, muss man das Wasser aus dem Heizungssystem „ablassen“, um ein mögliches Einfrieren der Rohre zu verhindern. In manchen Fällen ist eine Rückleitung des Wassers ins System und somit eine Wiederaufnahme des Heizbetriebs in den Wohnungen erst bei einer stabilen Außentemperatur von über null Grad möglich. Damit besteht die Gefahr, dass erst kurz vor Frühlingsbeginn wieder geheizt werden kann.

Wenn man das Wasser nicht ablässt, können die Rohre einfrieren. Wasser, das in den Rohren gefriert, dehnt sich aus und bewirkt ein Platzen oder eine Beschädigung der Rohre und sowie der gesamten Wärmeversorgung. Das gehört zum Basiswissen der Physik. Leider ist es im Januar 2026 bereits zu solchen Fällen gekommen.

Zum 23. Januar waren in Kyjiv nach offiziellen Angaben fast 2.000 Mehrfamilienhäuser ohne Heizung. In einigen Wohnungen fällt sie seit dem 9. Januar aus, und die Temperatur ist in den Wohnräumen bis auf null Grad gesunken.

Versuche, die Heizung wieder in Gang zu bringen, führen manchmal zu schlimmeren Folgen. In einem Mehrfamilienhaus im Kyjiver Stadtzentrum, im Bezirk Petschersk, beschlossen die kommunalen Dienstleister die Heizung nach zwei Tagen Ausfall wiederanzuschalten. Statt dass sich die Situation wie erhofft verbesserte, platzten dadurch jedoch die Rohre im obersten Stockwerk, und das gesamte Treppenhaus wurde mit heißem Wasser überflutet.

„Abends hörte ich ein Geräusch, als ob Wasser in den Rohren läuft. Ich freute mich, denn in der Wohnung war es da schon sehr kalt. Ich ging ins Bett und hoffte, dass es wieder warm würde. Aber in der Nacht wachte ich auf vom Lärm, jemand klopfte an die Tür. Im Treppenhaus war schon Chaos, die Nachbarn liefen hin und her, sie wollten ihre Sachen retten und warfen sie einfach auf die Treppe. Ich begriff gar nicht gleich, was passiert war. Es gab kein Licht, nur Dampf, die Leute liefen herum und schrien“, berichtet Olena, die in einer Wohnung lebt, die auch überflutet wurde.

Der Wasserstrom vom obersten Stock bis ins Erdgeschoss hielt mehrere Stunden an. In der ganzen Zeit versuchten die Bewohner herauszufinden, an wen sie sich wenden sollten, um Hilfe zu erhalten. Mehrere Dienste erklärten sofort, dass sie für solche Probleme nicht zuständig seien. Mit der Zeit gelang es das Wasser zu stoppen, aber die Wohnungen blieben ohne Heizung und ohne Strom und waren überflutet. Unter solchen Bedingungen leben jetzt mehrere Familien in der Hoffnung, ihre Wohnungen retten und die Folgen zu beseitigen zu können.

„Ich weiß, dass Russland daran schuld ist. Es ist die Hauptursache für das, was passiert ist. Die Frage, wer die Arbeiten durchgeführt hat und wie, betrifft lediglich die Folgen. Der Grund ist der Beschuss, der Ausfall der Heizung. Wenn es keinen Beschuss gegeben hätte, dann wären auch keine akuten Reparaturen und Notfalleinsätze notwendig gewesen“ — so erläutert Olena ihre Position.

Jetzt warten die Hausbewohner auf ein offizielles Gutachten, das das Ausmaß der Schäden und eine potentielle Entschädigung für die Bewohner festsetzen soll.

Das ist lediglich ein bezeichnender Fall, aber keineswegs der einzige. Am linken Ufer der Hauptstadt und in dem Mikrobezirk Rusanivka sind Dutzende von Häusern bereits seit dem 9. Januar ohne Heizung und fast völlig ohne Strom. Der Katastrophenschutz hat mobile Wärmestationen eingerichtet, dort kann man Telefone aufladen und sich aufwärmen. In einigen Bezirken von Kyjiv werden starke Generatoren eingesetzt, die zeitweilig und begrenzt die Stromversorgung in einigen nahegelegenen Häusern wiederherstellen können.

Die russische Propaganda hat ihre Angriffe gegen die Energie-Infrastruktur wiederholt damit gerechtfertigt, dass diese für die Militärindustrie verwendet werde. Das entspricht allerdings nicht den Normen des humanitären Völkerrechts, die Angriffe auf derartige Ziele ausdrücklich verbieten und weder Wärmekraftwerke noch Umspannwerke mit militärischen Objekten in Verbindung bringen. 2024 erließ der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) einen Haftbefehl gegen hochgestellte russländische Generäle, die 2022 und 2023 an Angriffen gegen ukrainische Energieanlagen beteiligt waren. Eine solche Praxis wurde als Kriegsverbrechen eingestuft.

Bei Angriffen auf die Stromversorgung unternimmt die russische Propaganda zumindest noch Versuche, ihr Vorgehen irgendwie zu rechtfertigen und zu erklären. Aber bei Angriffen auf Heizkesselanlagen, Einrichtungen der Wasserwerke oder Kläranlagen ist überhaupt keine Rechtfertigung vorstellbar, nicht einmal eine propagandistische.

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