‚Das wird sich niemals aus meinem Gedächtnis und meinem Herzen auslöschen lassen. ‘

Natalija und Iryna Ostapovska wohnen im Dorf Krasna Hirka. Vor ihren Augen hat eine Rakete ihr Haus, ihre Tiere und ihren liebsten Menschen vernichtet – ihren Vater und Ehemann.
Andrij Didenko16. Juni 2024UA DE EN ES FR IT RU

Das, was wir erleben mussten, geschah vor unseren Augen. Aber warum das passiert ist, weiß leider niemand. Warum ist ein solcher Kummer in jedes Haus eingekehrt? Das alles passierte in einem Moment, innerhalb von Sekunden... . Eine Rakete kam sehr schnell angeflogen. Sie traf meinen Vater. Sie hat ihn zerrissen. Von der Druckwelle brannte das Haus ab. Und alles, was er gebaut hat, ist auch verbrannt. Die Tiere sind verbrannt: Gänse, Hühner, Schweine, Kaninchen. Es waren viele Tiere. Die technischen Geräte sind verbrannt. Der arme Vater landete in einem Krater. Das Schlimmste ist, dass er nicht mehr hier ist. Aber er ist immer bei uns. Wir glauben, dass er uns beschützt hat: Wir sind heil geblieben. Aber es ist sehr traurig, dass er nicht mehr da ist.

Wir waren in diesem Moment zuhause, haben gefrühstückt. Es ergab sich, dass wir zusammen das Haus verließen. Meine Schwester, meine Nichte und mein Schwager gingen in den Keller, mein Vater ging in den Stall zu den Tieren. Ich war nicht weit von ihm. Aber als ich zu ihm lief, waren da schon nur noch seine Sachen und Körperteile, Arme und Beine. Das wird sich niemals aus meinem Gedächtnis und meinem Herzen auslöschen lassen. Alles wird bleiben. Natürlich denken wir oft daran, mit Schmerz. Erinnern uns an ihn. Wir haben uns von dem Schock nicht erholt. Aber wir arbeiten und legen die Hände nicht in den Schoß. Wir tun, was wir können. Manchmal lächeln wir, erinnern uns an gute Momente.

Unsere Siedlung geriet unter Besatzung. Wir sind Natalija Sydorenko und Vjatscheslav Sydorenko sehr dankbar. Nachdem unser Haus zerstört worden ist, haben sie uns aufgenommen, uns geholfen, uns zu essen gegeben und Kleidung zum Umziehen. Sie halfen uns, den Vater zu beerdigen, machten einen Sarg für ihn. Wir sind ihnen dafür sehr dankbar. Sie helfen auch jetzt noch allen und halfen uns in diesem Moment. Sie brachten uns aus dem besetzten Gebiet heraus.

Остаповська Наталія та Ірина — мешканки села Червона гірка Ostapovska Nataliia and Iryna — residents of the Chervona Hirka village Остаповская Наталья и Ирина — жительницы села Красная горка

Natalija und Iryna Ostapovska, Bewohnerinnen des Dorfes Krasna Hirka

Diese ganzen Ereignisse passierten am 27. Februar 2022. Und am 4. März 2022 fuhren wir von dort weg. Am 3. März haben wir den Vater auf dem Friedhof beerdigt. Natalija und ihr Mann Vjatscheslav gaben uns ein Auto. Es war natürlich sehr beängstigend, weil die Russen schossen und flogen. Aber trotz allem halfen sie uns, alles auf eine menschliche Weise zu machen. Sie fuhren dann am 4. März weg und wir konnten auch wegfahren. Wir wussten nicht, wohin und ob wir überhaupt wegfahren sollten. Der Schock, der Verlust... Wir verstanden überhaupt nichts mehr. Aber dank ihnen fuhren wir weg.

Am 16. April 2022 kehrten wir nach Hause zurück. Wieder holten wir den Vater aus dem Leichenschauhaus, denn es hatte eine Exhumierung gegeben. Wir kamen aus Richtung Makarov. Es war schrecklich. Als wir hierherfuhren, sahen wir nicht, dass die Häuser zerstört waren. Wir sahen auf dem Weg ausgebrannte Autos. Es war klar, dass das Raketen waren oder Streumunition. Es gab Minen und Sprengdrähte. Als wir ins Haus gingen, bot sich uns ein ganz anderes Bild, als das, was wir unter Schock gesehen hatten.

Wir mussten wieder an all das denken. Wir räumten lange nicht auf, weil wir dachten, es gäbe vielleicht Sprengdrähte, aber Gott sei Dank war da nichts. In unserem Hof waren weder Sprengdrähte noch Minen. Deshalb konnten wir uns, wie man sagt, moralisch und körperlich etwas ausruhen und fingen an, das Gebiet um unser Haus aufzuräumen. Nach und nach haben wir den Hof gesäubert, dank der Menschen, die uns geholfen haben. Das waren Verwandte und Bekannte meines Vaters. So haben wir eben alles aufgeräumt.

Wir hatten gehofft, das abgebrannte Haus wiederaufbauen zu können. Aber leider begannen die Wände zusammenzustürzen. Vater hatte vor Neujahr einige Renovierungen vorgenommen, hatte einen neuen Ofen eingebaut. Aber leider ist das alles eingestürzt. Wir mussten alles abreißen. Jetzt haben wir nur noch ein Fundament, aber das Fundament beginnt auch zu bröckeln. Wenn man auf diese Ruinen schaut — dafür gibt es keine Worte, keine Gefühle. Wir hoffen, dass die russischen Aggressoren dafür bestraft werden, dass es Reparationszahlungen geben wird. Wir hoffen, dass der Sieg bald kommen wird.

Wir haben unsere Sommerküche wiederaufgebaut, die heil geblieben ist. Wenn es noch ein bisschen länger gedauert hätte, gäbe es sie auch nicht mehr. Man hat uns Wohnwägen gegeben. Es gab keinen Strom und es war kühl. Aber wir hatten Brennholz und haben mit einem Kanonenofen geheizt. Wir legen die Hände nicht in den Schoß, wir geben nicht auf. Die Ukrainer sind eine starke Nation. Das Wichtigste ist, nicht aufzugeben. Das Leben liegt vor uns, wie man so schön sagt. Alle gedenken immer noch ihrer Angehörigen, ihrer Nächsten. Unsere (toten) Verwandten sehen uns noch, passen auf uns auf, helfen uns. Im Gedenken an sie sollten wir nicht aufgeben und den Sieg erringen.

Übersetzung: Nicole Hoefs-Brinker

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