Olha Leus aus Mariupol: ‚Ein Scharfschütze hat meinen Mann getötet‘

Wir haben mit Olga Leus im Zentrum „JaMariupol“ [Ich bin Mariupol] in Lviv gesprochen, wohin die Charkiver Menschenrechtsgruppe gefahren ist, um Einwohnern von Mariupol zu helfen, die in Lviv leben, nachdem sie ihre Heimatstadt verlassen haben.
Andrij Didenko26. Dezember 2023UA DE EN ES FR IT RU

Die Charkiver Menschenrechtsgruppe sammelt Beweise für russische Kriegsverbrechen, insbesondere in Mariupol. Olga Leus wohnte fünf Minuten vom Drama-Theater entfernt. Ihr Haus wurde beschossen und ihr Mann von einem Scharfschützen getötet.


Wir glaubten, und zwar aus ganzem Herzen, dass das, was passiert ist, nicht passieren würde. Eine Granate schlug in meine Wohnung ein. Mein Mann Volodymyr war nach draußen gegangen, um sich den Zustand des Hauses anzusehen, ob wir uns vielleicht schon bereit machen und weglaufen sollten. Und in diesem Moment hat ihm ein Scharfschütze das Leben genommen.

Ich heiße Olha Leus. Der erste Kriegstag verlief vergleichsweise gewöhnlich. Denn ich wohne und arbeite im Zentrum. Der Krieg begann in den Schützengräben. Und bis zum Ende des Tages war nicht klar, dass alles sehr ernst war.

Wo haben Sie gewohnt? An welcher Stelle?

Ich habe mitten im Stadtzentrum gewohnt. Fünf Minuten zu Fuß vom Drama-Theater.

In Mariupol?

Ja, in der Stadt Mariupol.

Der Arbeitstag begann. Kurz vor Mittag begann ich, panisch zu werden. Es bildeten sich Schlangen vor den Apotheken, den Geschäften und den Geldautomaten. Die Geschäfte nahmen nur noch Bargeld an, Kreditkarten wurden schon nicht mehr akzeptiert. Die Kämpfe waren irgendwo in den Außenbezirken. In den Bezirken Kalmius und Livoberezhnyj. Wir glaubten, und zwar aus ganzem Herzen, dass das, was passiert ist, nicht passieren würde. Und dass der Krieg irgendwo dort auch enden würde. Die Situation spitzte sich mit jeder Stunde weiter zu. Die Explosionen waren immer näher zu hören. Es gab einen Luftangriff auf die Nachbarhäuser, neben dem Kino „Peremoga“, dort schlug eine Mine ein. Wir waren anfangs zuhause, weil wir uns dort verhältnismäßig sicher fühlten.

Am 20. März hatte es einen Luftangriff auf meine Wohnung gegeben. Das betroffene Zimmer war schon mit Decken zugehängt, denn es war sehr kalt. Das Geschoss schlug einfach in die Wohnung ein. Das Zimmer wurde zerstört.

An diesem Tag wurde auch mein jüngerer Sohn verletzt: Er war zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt, sein Bein wurde verletzt. Es wurde schon im Stadtzentrum gekämpft, die Besatzer nahmen uns die Möglichkeit, medizinische Hilfe zu bekommen. Wir erfuhren von irgendwelchen Leuten, dass das Kulturzentrum „Molodizhnyj“ (gegenüber von uns) zum Feldlazarett umfunktioniert worden war, dort brachte man Verletzte hin. Wir gingen dorthin, nahmen aber das Kind nicht mit. Wir wollten uns nur erkundigen, irgendwelche Medikamente bekommen und Verbandsmaterial. Dort sprach eine junge Frau mit uns, gab uns Empfehlungen, was zu tun sei. Am nächsten Tag (oder am übernächsten) brannte das Kulturzentrum „Molodizhnyj“ ab. Ich weiß nicht einmal, was mit den Menschen passiert ist, die dort waren. Ich hoffe sehr, dass sie es geschafft haben, das Gebäude zu verlassen.

Ольга Леус, Маріуполь Olha Leus, Mariupol Ольга Леус, Мариуполь

Olha Leus, Mariupol

Unser Viertel stand sehr stark unter Beschuss. Irgendwas fiel auf das Haus. Wir hörten, wie es erbebte. Das war ein kapitaler Stalin-Bau. An einem bestimmten Punkt dachten wir, dass wir weg müssen. Wir hatten Angst, dass die oberen Etagen auf uns stürzen würden.

Mein Mann Volodymyr war nach draußen gegangen, um sich den Zustand des Hauses anzusehen, ob wir uns vielleicht schon bereit machen und weglaufen sollten. Und in diesem Moment hat ihm ein Scharfschütze das Leben genommen.

Wir hörten diesen Schuss. Es waren einer oder zwei. Ich habe mich später an dieses Ereignis erinnert, und es schien mir, ich habe sogar seinen Schrei gehört. Ich hörte eine erstaunte Stimme: „Getroffen“. Danach (am selben Tag, gegen Abend) gab es in unserem Bezirk bereits Straßenkämpfe. Das war keine weitreichende Artillerie, das waren Nahkämpfe, Maschinengewehre und so etwas in der Art. Wir hörten die Menschen, sahen, wie sie rannten. Wir sahen, wie unsere Soldaten einem Verletzten halfen. Ich hatte lange gehofft, dass ich den Schrei des Soldaten gehört hatte. Später sahen wir, wie man ihn irgendwohin trug.

Am nächsten Tag, als es ruhiger wurde, hörte Nina, die Mutter meines Mannes, irgendwelche Schritte, sie ging nach draußen, wollte jemanden nach ihrem Sohn fragen. Wir glaubten nicht und dachten nicht einmal daran, dass er umgekommen sein könnte. Wir glaubten, dass er es vielleicht geschafft haben könnte, in einen Eingang zu springen, in einen Bombenschutzkeller, sich irgendwo zu verstecken. Seine Mutter fand ihr einziges Kind getötet fast neben dem Eingang unseres Hauses. Danach konnten wir sehr lange (eine Woche wohl) nicht aus der Wohnung gehen, haben im Eingangsbereich auf einem Grill gekocht. Gott sei Dank hatten wir Lebensmittel, irgendwelche Konserven. Die Kinder mussten keinen Hunger leiden.

Es war sehr beängstigend, die ganze Zeit flogen Flugzeuge. Mal waren sie weiter weg, mal waren sie ganz nah. Wir konnten die Geräusche von Fliegerbomben hören, und wir hatten schon gelernt, zwischen Minen und Bomben zu unterscheiden.

Erst nach sechs Tagen konnten wir dank der Hilfe von jungen Männern, die im Bombenschutzkeller unseres Hauses lebten, meinen Mann beerdigen. Wir begruben ihn im Hof, stellen ein orthodoxes Kreuz auf. So gut wir konnten, erwiesen wir ihm die letzte Ehre.

Маріуполь, зруйнований ПК “Молодіжний”, фото: телеграм канал Маріупольська міська рада Маріуполь, зруйнований ПК “Молодіжний”. Фото з телеграм-каналу Маріупольської міськради Mariupol, the destroyed recreation center “Molodizhny”. Photo from the Telegram channel of the Mariupol City Council Мариуполь, разрушенный ДК “Молодежный”. Фото из телеграм-канала Мариупольского Горсовета

Mariupol, das zerstörte Kulturzentrum „Molodischnyj“. Foto aus dem Telegram-Kanal der Stadtverwaltung Mariupol

Sagen Sie, hatten Sie Kontakt zu dem Besatzungsmilitär?

Sehr wenig. Als sie zu uns in den Hof kamen, gingen die Menschen nach draußen und begannen, sie auszufragen, weil es absolut keine Verbindung mehr gab, keine Informationen, keine Nachrichten. Wir gingen zu ihnen, etwa 10-15 Personen hatten sich um sie versammelt. Sie erzählten uns so fröhlich, dass sie uns befreit hätten! Dass jetzt alles bei uns gut werden würde.

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