Stimmen des Krieges: „Von unserem Nachbarn ist nichts mehr übrig geblieben, nur seine Schuhe. “

Sinajida Kostenko, eine Bewohnerin des Dorfes Moschtschun, erzählt von dem Grauen der ersten Tage des flächendeckenden Krieges. Ihr Haus wurde vollständig zerstört, sogar die Konserven im Keller sind verbrannt.
Oleksij Sydorenko02. Juni 2023UA DE EN ES FR IT RU

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Sinajida Kostenko

Sinajida Jakivna Kostenko, ich bin ganze 67 Jahre alt. Ich wohne im Dorf Moschtschun in der Vyshnevii-Straße. Ich lebe hier schon mein ganzes Leben, bin in die Schule gegangen, habe das Handelsinstitut abgeschlossen und nachdem ich geheiratet habe, blieb ich, um zu arbeiten. Ich habe 32 Jahre als Verkäuferin im Dorf gearbeitet, war Geschäftsführerin, habe also mein ganzes Leben im Dorf verbracht.

Wie haben Sie den ersten Tag des Krieges erlebt?

Am 24. bin ich früh zur Arbeit gegangen, habe das Geschäft um acht Uhr aufgemacht. Ich habe nur entferntes Grollen gehört. Und da rief meine Freundin an, die neben dem Flughafen wohnt. Sie sagte, bei uns ist Krieg, bei uns wird geschossen. Ich sagte: „Wie, geschossen?“ Bei uns war das noch nicht angekommen, es dröhnte nur ein bisschen. Sie hat ein Kind, das ist ein Jahr und zwei Monate alt und einen zwölfjährigen Jungen. Sie stürzten los, um wegzulaufen, weil man ihr Haus bombardierte. Ich sagte zu ihr: „Kommt zu uns! Bei uns ist es ruhig.“ Sie kamen und waren am 25. und 26. bei mir, weil es bei uns bis dahin nur dröhnte. Am 25. blieb der Strom weg. Gas gab es noch, aber keinen Strom mehr. Mein Mann sagte: „Ich habe einen Bekannten angerufen. Die Odesa-Autobahn ist frei, ihr könnt fahren.“ Sie sind aus dem Stavischtsche-Bezirk. Sie sagten: „Lasst uns fahren, hier werden nicht bleiben.“ Morgens standen wir auf, da flogen die Hubschrauber! Unser Dorf befindet sich in einer Senke. Es liegt wie in einem Tal. Zu beiden Seiten ist Wald und ein Fluss in der Mitte. Wir saßen im Zimmer und Oksanas Mann sagte: „Tante Sina, schauen Sie, sie fliegen!“ Und da flogen etwa fünfzehn von diesen Hubschraubern. Wir hörten, wie sie nach einer halben Stunde wieder den Flughafen bombardierten. Und da fuhren sie weg.

Und Sie haben damals nicht über Evakuierung nachgedacht?

Wir sind noch geblieben. Ich soll von meinem Hof weg? Aber nein, natürlich nicht! Meine ältere Tochter kam, die jüngere war mit ihrem Kind weggefahren (Sie hat einen vierzehnjährigen Sohn.) Mein Schwiegersohn ist auch auf dem Hof geblieben, seine Mutter unterstützen, sie sagte auch: „Wer soll uns antasten?“ Und da kamen die Raketen geflogen.

Meine Tochter und ich haben noch die Territorialverteidigung mit Essen versorgt. Sie waren direkt in der Nähe. Wir haben Essen gekocht, es gab ja noch Gas, warum also die Jungs nicht mit
heißer Suppe versorgen? „Jungs“, sagte ich, „Tee und heißes Essen gibt’s von uns.“ Bis zum sechsten März haben wir sie versorgt. Und dann gingen wir am sechsten mit dem Essen hinaus, aber die Jungs waren weg. Am fünften war bei den Nachbarn das Haus abgebrannt. Die Nachbarin kam zu uns in den Keller. Als sie begannen, zu bombardieren, liefen wir in den Keller. Saßen dort, warteten, bis es vorbei ist, bis die Raketen aufhören würden einzuschlagen, es ruhiger würde, um rauszugehen. Wir hätten wieder raus gekonnt, aber draußen war es schon Nacht. Wir hatten ja auch ein Schlafzimmer dort, wir hatten alle Kissen vom Sofa mit runtergenommen und saßen die ganze Zeit dort fest.

Bis zum sechsten des Monats saßen wir dort. Als wir nach draußen gingen, waren die Jungs nicht mehr da. Ich sagte: „Ira, wenn die Jungs ihren Posten verlassen haben, heißt das, dass irgendwas nicht in Ordnung ist.“ Ich versuchte, meinen Schwiegersohn anzurufen, aber das Telefon ging nicht. Er kam von selbst zu uns gelaufen und sagte: „Was sollen wir machen?“ Sie begannen wieder, mit Raketen zu schießen, wir versteckten uns, und als alles vorbei war, nahm mein Schwiegersohn eine Leiter, um nach seinem Haus zu sehen, und sein Haus brannte. Er rannte hin. Ich schrie: „Warte, sie werden dich zusammenschießen, geh später!“ Sie fingen an, zu schießen, dann etwa zehn Minuten Stille, dann ging es wieder los. Mein Gott, wie habe ich gebetet, dass er es irgendwohin schafft und sich versteckt. Auf der anderen Seite des Dorfes brannte alles. Ich sagte: „Oh Gott, wenn er es doch nur irgendwohin geschafft hat!“ Ira sagte: „Mama, wir werden hier nicht bleiben. Mach dich fertig!“ Wir gingen ins Haus, ich zog mich an, nahm das Päckchen mit den Dokumenten, die Tasche und etwas Geld. Und los ging’s.

Wie konnten Sie sich retten?

Wir liefen auf die andere Seite des Dorfes. Auf dem Weg nahmen wir eine Nachbarin mit, weil sie alleine zurückgeblieben war. Und Drohnen flogen neben uns her. Ich sagte: „Mädchen, lasst uns nicht zusammen laufen, damit wir nicht auf einem Haufen sind. Lasst uns jeder einzeln gehen.“ Volodja startete das Auto, kam auf die andere Seite, holte uns ab und wir fuhren durch das Dorf. Da waren schon keine Menschen mehr. Nicht einen einzigen haben wir getroffen. Das Dorf war wie eine Geisterstadt. Man fährt, aber es ist ausgestorben. Wir fuhren und ich sagte: „Mein Gott, das ist wie im Film!“ Alles ist kaputt, irgendwas brennt, an manchen Stellen keine Häuser mehr. Man fährt und bekommt solche Angst. Du verlässt das Dorf und bekommst es mit der Angst. Während wir fuhren, explodierten hinter uns Geschosse. Das war schon keine Flucht mehr … . Wir hatten furchtbare Angst. Und die Drohne, die da flog? Man hätte sterben können! Es fühlte sich an, als hätte man sie mit der Hand berühren können.

Was ist mit Ihrem Besitz passiert?

Was bei mir passiert ist? Am 14. des Monats war es irgendwie still, ich schickte die Kinder, sie sollten nachsehen, was dort los ist. Dann haben sie mir die Fotos gezeigt.

Alles war zertrümmert, alles verwüstet, alles verbrannt. Krater von den Einschlägen: einer, noch einer, wahrscheinlich ist genauso ein Geschoss ins Haus eingeschlagen. Ich glaube das, weil alles sofort brannte. Im Keller sind die Konserven in Flammen aufgegangen! Sie können sich ja vorstellen, was los war, wenn selbst Dosen brennen, was das für Temperaturen waren. Ich hatte einen Keller, eine Sommerküche mit Ofen, ein Haus, einen Schuppen mit Brennholz, eine Garage.

Alles wurde zerstört, wahrscheinlich an einem Tag. Im Nachbarhaus wohnten ein älterer Mann uhnd seine Frau, er war 86 Jahre und sie 83 Jahre alt. Sie sagten, dass sie nicht weggehen werden, weil sie schon alt sind und niemand sie gebrauchen kann. Die Frau wurde im Keller getötet, und den Mann fanden sie tot im Hof.

Wahrscheinlich hat ihn ein Geschoss umgebracht, denn im Hof war genauso ein Krater wie bei mir. Dort hätte man einen „Moskvitsch“ oder einen „Zaporozhez“ [Automarken] verstecken können.

Am vierten März, glaube ich, töteten sie einen Jungen von der Territorialverteidigung. Sie standen dort, hatten ein Auto. Sie fuhren von Posten zu Posten. Das Auto ging kaputt, er ließ es auf dem Hof stehen, um es zu reparieren. Da gingen die Einschläge los. Und er versteckte sich zusammen mit seiner Mutter und Bekannten in einem Keller. Dann wurde es still, Sascha geht nach draußen und vor den Augen seiner Mutter zerreißt ihn ein Geschoss. Wir hörten hysterisches Schreien. Ich fragte, was passiert ist. Seine Mutter schrie. Von ihrem Sohn war nichts mehr übrig Nur die Schuhe lagen noch herum und das war’s. Wir gingen los und holten sie zu uns, gaben ihr Beruhigungsmittel, damit sie sich beruhigt. Ich sagte: „Liduba, schrei’ nicht, die Jungs werden dort alles tun, was nötig ist.“ Die Jungs packten seine Überreste, soweit möglich, in einen Sack und begruben ihn auf dem Friedhof.

Hätten Sie geglaubt, dass es Krieg geben würde?

Nein, das habe ich nicht geglaubt. Mein Gott! Gibt es denn in diesem Russland nicht genug Land? Sie haben so viel Land! Pflügt es einfach und arbeitet wie wir Ukrainer! Arbeitet und ihr werdet alles haben. Wo mischt ihr euch ein? Warum dringt ihr in fremdes Land ein? Ich habe das nicht geglaubt! Erstens ist mein Vater Russe. Meine russische Großmutter hat mich aufgezogen. Ich hätte nicht geglaubt, dass die Russen ein Volk wie das ihre angreifen würden. Sie wissen selbst nicht einmal, dass Kyjiv älter ist als Moskau! Wozu drängt ihr euch auf? Ihr wollt an die Macht? Wie weit ist es von Puschtscha-Vodyzia nach Kyjiv? Sieben Kilometer? Sie dachten, sie kommen einfach so durch. Die Jungs haben gesagt, dass sie bei den Soldaten Karten aus den siebziger Jahren gefunden haben. Nicht einmal normale Karten hatten sie. Egal, wo du hinkommst, überall gibt es eine Siedlung und Menschen. Entweder Datschen oder irgendwelche Wohnsiedlungen wurden dort gebaut. So viele Jahre sind vergangen. Die dachten, man kann durch den Wald gehen, aber so war’s nicht! Egal, wo man auftaucht, überall ist es bebaut. Es gibt neue Wohnviertel. Das Leben geht weiter. Und sie dachten, das wäre alles ganz einfach.

Hatten Sie sich auf den Krieg vorbereitet?

Am 16. Februar sagte meine Tochter zu mir (Sie arbeitet in einem Krankenhaus): „Mama, die Lage ist irgendwie unklar. Pack die wichtigsten Sachen“. Ich sagte: „Das Wichtigste, das sind die Dokumente, dass die nicht verbrennen.“ Ich dachte aber nicht, dass sie etwas anzünden würden. Ich glaubte, dass sie eine Zeitlang kämpfen würden und Schluss. Aber dass sie das ganze Dorf anzünden würden, das hätte ich nicht gedacht. Ich legte alle Dokumente in eine Dose, verschloss sie und stellte sie in den Keller. Und das Wichtigste (den Pass natürlich), legte ich in eine separate Mappe. Ich kann doch keinen Sack auf den Schultern tragen! Bei mir im Keller sind nur die Spitzen der Mappe verbrannt, aber die Dokumente sind alle unversehrt. Ich sagte zu meiner Tochter: „Ich bin 67, wer soll mir was tun? Was soll denn so ein Pionier mit mir? Sitze ich etwa mit einem Maschinengewehr oder einer Pistole herum? Ich habe doch nichts! Wenn er essen will, soll er essen gehen.“

Aus Kyjiv kamen sie hierher, um sich zu verstecken. Wie viele Kinder da kamen! Sie hatten Angst, man würde Kyjiv einnehmen. Als sie anfingen, mit „Grads“ zu bombardieren, sagte ich: „Mein Gott, flieht! Lauft irgendwohin weit weg!“ Aber Dank sei den Freiwilligen, sie kamen mit Kleinbussen und brachten die Kinder weg. Die Menschen fuhren in Scharen, mit ihren Kindern und so weit wie möglich.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Wir haben kein Geld. Aber wenn wir welches verdienen, werden wir sehen, wie die Lage ist. Um etwas zu bauen, braucht man Geld. Es hat Jahre gedauert, Häuser zu bauen, zu renovieren. Das ist nicht einfach mit Lehm übertünchen und das war’s. Unsere Eltern haben den Krieg überlebt und nun ist der Krieg über uns hereingebrochen. Aber auch wir werden überleben!

Hat sich Ihre Einstellung den Russen gegenüber verändert?

Wir haben nie bemerkt, wie stupide sie doch sind, wie hilflos und dass sie nichts verstehen. Im Internet kwird berichtet, wie ein Sohn sagt: „Mama, ich bin in Kriegsgefangenschaft.“ Und sie antwortet: „Ich hätte mehr davon, wenn sie dich getötet hätten, dann bekäme ich mehr Geld.“ Ist das eine Frau? Wirklich? Das ist keine Frau … . Sogar ein Hund leckt seinen Welpen ab, aber die sagt so was. Das ist irreal! Sie sollen die Augen aufmachen. Sie sollen das ansehen! So ein wunderbares Leben … . Und wozu mischt ihr euch ein? Ihr habt doch alles. Ihr habt Grund und Boden, Gesundheit und Verstand, um etwas zu tun wie ein Mensch. Ihr hört auf Putin und was habt ihr davon? Habt ihr von ihm etwas bekommen? Nichts natürlich! Nur das Böse auf dem ganzen Planeten. Ihr seid jetzt — Raschisten! [Neologismus aus Russia und Faschismus]. Selbst wenn jetzt ein Russe vernünftig ist und klug, nach einem solchen Krieg wird man ihm trotzdem nicht mehr vertrauen.

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