Damit Geschichte nicht verloren geht: Welche Angaben für die Dokumentation von Verbrechen unerlässlich sind

„Sie haben meinen Mann ermordet. Sie haben mir mein Kind weggenommen. Sie haben mir mein Haus weggenommen. Wollen Sie wirklich, dass ich jetzt mit Ihnen irgendwelche Vereinbarungen treffe?“ So antwortete eine Frau einem Mann auf sein Ansinnen, zu kollaborieren, während sich ihre Tochter in Gefangenschaft befand.
Julija Bohdan25. Oktober 2026UA DE EN ES FR IT RU

Ілюстративне зображення, © Марія Крікуненко Illustration © Marijy Krykunenko Illustrative image, © Maria Krykunenko Illustration © Maria Krikounenko Иллюстративное изображение, © Мария Крикуненко

Illustration © Marijy Krykunenko

Die Mutter hat noch die Aufzeichnung eines Anrufs ihrer Tochter. Neben ihrer Stimme ist ein Mann zu hören, der sie instruiert, was man sagen kann. Sie hatte auch Briefe und Mitteilungen von anderen Personen. Aus diesen Fragmenten versuchte die Mutter zu erschließen, wo ihre Tochter gefangen gehalten wurde und was mit ihr geschehen war. Ein Anruf erzählt nicht die ganze Geschichte. Aber er liefert einen Anhaltspunkt, von dem aus man weiterkommen kann.

Während des Interviews fügen sich diese Einzelheiten allmählich zu einer Geschichte zusammen. Wo hat alles angefangen? Wohin hat man die Person gebracht? Was hat sie selbst gesehen, und was hat sie von anderen erfahren?

Aussagen von Angehörigen

Die Aussagen Angehöriger sind oft die einzige Quelle über das Geschehene, wenn das Opfer ums Leben gekommen ist, vermisst wird, sich in Gefangenschaft befindet oder widerrechtlich in Haft gehalten wird. Sie können ihren Teil der Geschichte erzählen. Von der Genauigkeit und Logik der Erzählung hängt die Beweisgrundlage ab.

Sie haben Anrufe, Briefe, Mitteilungen und jetzt lange Monate keine einzige Nachricht mehr bekommen. Sie konnten nicht sehen, was sich hinter Gittern abgespielt hat, aber sie erinnern sich, wie sie einen nahestehenden Menschen suchten und was man ihnen geantwortet hat. Ohne diese Stimme wäre die Geschichte unvollständig.

Was sollten die Angehörigen aufbewahren?

Für das Gespräch mit Ermittlern gilt es sich vorzubereiten: Das ist kein Verhör, aber einige Dinge sollte man im Voraus bedenken.

1. Aufzeichnungen von Anrufen und Sprachmitteilungen

Speichern Sie die Original-Dateien, nicht nur Screenshots oder Abschriften. Nehmen Sie in keinem Fall Kürzungen vor, redigieren Sie nichts, denn die Authentizität der elektronischen Dokumente muss erhalten bleiben. Hintergrundstimmen und Geräusche können ebenfalls von Bedeutung sein, bitte löschen Sie sie nicht. Es ist besser, mehr zu speichern, denn auch Dinge, die Ihnen unwichtig scheinen, können für die Rechercheure bei der Dokumentation eine wichtige Rolle spielen.

Fertigen Sie unbedingt mehrere Kopien an, speichern Sie sie auf mehreren Datenträgern und an unterschiedlichen Orten ab.

2. Briefe und Mitteilungen

Halten Sie Daten, Zeit, Telefonnummern, Namen und Accounts fest, von denen Sie Nachrichten bekommen haben. Screenshots der Korrespondenz könnte man mit einem Export des Chatverlaufs ergänzen, wenn es so eine Funktion gibt.

3. Aussagen von anderen Personen

Halten Sie fest, wer was wann übermittelt hat. Speichern Sie die Kontaktdaten dieser Person sowie sämtliche persönlichen Angaben, die Sie in Erfahrung bringen können. Je mehr Daten es gibt, desto leichter lässt sich eine Person feststellen. Vermerken Sie sofort, ob die Person die von ihr beschriebenen Ereignisse selbst mit angesehen hat oder ob sie sie nur vom Hörensagen berichtet.

Wenn mehrere Personen dieselben Orte oder ähnliche Ereignisse erwähnen, können ihre Aussagen dem besseren Verständnis dienen. Sie halten auch das fest, was in kurzen Mitteilungen fehlt: Die Stimme einer Person, ihre Angst um die Angehörigen und die Kleinigkeiten, an die sie sich gehalten hat.

4. Dokumente

Fertigen Sie mehrere Papier- oder digitale Kopien der Dokumente an wie Pass, Fotos, ärztliche Dokumente, Vermisstenanzeigen mit Registrierungsnummern, Antworten von der Polizei, der Staatsanwaltschaft, NGOs und anderen Institutionen usw. Notieren Sie unbedingt besondere Merkmale der Person, damit alles bei Bedarf gleich bei der Hand ist.

5. Persönliches Eigentum des Opfers

Werfen Sie auch keine besonderen Gegenstände Ihrer Angehörigen oder Dinge vom Ort des Geschehens weg, säubern Sie sie nicht und bringen Sie sie nicht “in Ordnung”. Sie können wichtige Beweismittel enthalten.

6. Eigene chronologische Aufzeichnung

Notieren Sie chronologisch, wann und wohin Sie sich gewandt und welche Antworten Sie erhalten haben, wann die letzten Mitteilungen eingegangen sind und wie sich die Geschehnisse entwickelt haben.

Worauf zu achten ist

Genauigkeit beginnt mit den Worten “Ich habe gesehen”, “man hat mir gesagt”, “ich nehme an”.

Unterscheiden Sie beim Gespräch zwischen “ich habe gesehen” und “man hat mir erzählt”, nennen Sie dabei die Quelle der Information. Stellen Sie keine Vermutungen an. Es ist besser, ggf. ehrlich zu sagen “ich erinnere mich nicht” oder “ich weiß es nicht”, das ist vollkommen in Ordnung.

Sie können einen Teil des Wegs, eine Notiz an der Tür oder Worte in Erinnerung haben, die Sie von anderen gehört haben. Diese Details sind wichtig, aber Vermutungen bleiben Vermutungen.

Natürlich sind wiederkehrende Berichte ermüdend. Mitunter weiß eine Person nicht genau, wo ihr Angehöriger festgenommen wurde, wann und wohin er gebracht wurde. Sie kann Zeit benötigen. Es besteht kein Grund zur Eile.

Sprechen Sie sich ab über Pausen, über die Anwesenheit einer nahestehenden Person, die Sie unterstützen kann, über Psychologen. Das trägt auch zur Genauigkeit der Aussagen bei.

Über die Sicherheit

Fragen Sie, wer das Gespräch führt, zu welchem Zweck, wie Ihre Worte aufgezeichnet werden und wer Zugang dazu haben wird. Sie haben das Recht, der Aufzeichnung zuzustimmen oder sie abzulehnen, ebenso können Sie erlauben oder untersagen, dass Ihr Name genannt wird.

Veröffentlichen Sie keine Einzelzeiten in sozialen Netzwerken, solange die Untersuchung noch andauert, und seien Sie vorsichtig im Umgang mit Journalisten und zufälligen Gesprächspartnern. Geben Sie Unterlagen nur an überprüfte Organisationen weiter. Seien Sie besonders vorsichtig, wenn sich einer Ihrer Angehörigen oder Bekannten auf besetzten Territorien aufhält: Jedes veröffentlichte Detail kann ihnen schaden.

Die Dokumentation kann die Begegnung mit Angehörigen nicht ersetzen und verlorene Jahre nicht zurückgeben. Sie bewahrt die Worte derjenigen auf, die warten, sowie jener, die die Gefangenschaft durchgemacht haben, damit ihre Geschichten nicht hinter trockenen Zahlen verschwinden.

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