Die Schäden durch russische Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur liegen bei über 45 Milliarden Dollar

Die größten Angriffswellen fielen in die Kälteperioden des Jahres, wenn das tägliche Leben der Zivilbevölkerung am meisten auf Strom, Heizung und Wasser angewiesen ist.
Was ist geschehen?
Auf der Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine in Gdańsk erklärte der Stellvertretende Ministerpräsident für den Wiederaufbau der Ukraine, Oleksij Kuleba, dass die Schäden durch russische Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur bereits bei über 45 Milliarden Dollar liegen.
Nach Kulebas Worten können diese Verluste nicht allein durch den ukrainischen Haushalt oder internationale Finanzierung gedeckt werden. Deshalb hat die Ukraine ihren Partnern ein Portfolio mit 30 öffentlich-privaten Partnerschaftsprojekten vorgelegt. Sie betreffen den städtischen Nahverkehr, Luftfahrt, Eisenbahn, Straßenbau und Wasserversorgung.
Ende 2025 lagen die unmittelbaren kriegsbedingten Schäden der Ukraine insgesamt bei über 195 Milliarden Dollar. Der Bedarf für Instandsetzung und Wiederaufbau wird für das kommende Jahrzehnt auf fast 588 Milliarden Dollar geschätzt. Am meisten betroffen waren der Wohnungsbestand, die Verkehrsinfrastruktur und der Energiesektor. 2025 stieg die Zahl der beschädigten oder zerstörten Energieobjekte auf 21%, und der Bedarf im Verkehrssektor kam infolge verstärkter Angriffe auf die Eisenbahn sowie Häfen auf fast 24%. Diese Zahlen nennt die “Rapid Damage and Needs Assessment, RDNA5” (Schnelle Schadens- und Bedarfseinschätzung), sie wurden von der Weltbank, der ukrainischen Regierung, der Europäische Kommission und der UNO bekanntgegeben.
Wann die meisten russischen Angriffe gegen die Infrastruktur erfolgten
Die russischen Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur dauern seit Beginn der Vollinvasion an, allerdings werden die massivsten Angriffe kurz vor oder während der kalten Jahreszeiten vorgenommen. Gerade dann ist die Zivilbevölkerung in besonderem Maße auf Strom, Heizung, Wasser, Verkehr und medizinische Dienstleistungen angewiesen. Im Herbst 2022 startete Russland eine massive Angriffsserie gegen den ukrainischen Energiesektor. Human Rights Watch erklärte im Dezember 2022, dass Millionen von Zivilisten allein infolge der Angriffe im Oktober und November Versorgungsausfälle bei Strom, Wasser, Heizung und anderen lebenswichtigen Dienstleistungen zu beklagen hatten. Die ukrainische Staatsanwaltschaft berichtete damals von 92 Angriffen auf die Energieinfrastruktur innerhalb von nur zwei Monaten.
2024 intensivierte Russland die Angriffe auf den Energiesektor erneut. Vom 22. März bis zum 31. August führten die russischen Streitkräfte neun großangelegte koordinierte Angriffswellen durch. Dadurch wurden Anlagen zur Erzeugung, Übermittlung und Verteilung von Strom beschädigt oder zerstört. Besonders bedrohlich war, dass Russland diesmal häufiger Anlagen zur Stromerzeugung ins Visier nahm, also Heiz-, Wasser- oder Solarkraftwerke. Vernichtet oder beschädigt wurden etwa 9 Gigawatt stromerzeugender Kapazitäten — das ist etwa die Hälfte des Bedarfs der Ukraine in den Wintermonaten. Bis Juni 2024 wurden 73% der Heizkraftwerke des Landes außer Betrieb gesetzt.
Kurz vor dem Winter 2025 intensivierten sich die Angriffe erneut. Im Oktober führte Russland drei große Angriffe auf die Energieinfrastruktur durch, was in den meisten ukrainischen Regionen zu Notstromabschaltungen führte. Im November kam es zu fünf großangelegten kombinierten Angriffen gegen den Energiesektor. Danach hatten viele Gemeinden Engpässe nicht nur in der Stromversorgung, sondern auch bei der Heizung und der Wasserversorgung.
Im Januar 2026 griffen russische Truppen die ukrainische Energieinfrastruktur fast täglich an. Es gab mindestens fünf größere Attacken: Gleichzeitig wurden Objekte in mehreren Regionen angegriffen. Mindestens in 17 Gebieten sowie in Kyjiv wurden Schäden festgestellt. Die Folge waren lang andauernde Stromabschaltungen und Ausfälle von Heizung und Wasserversorgung. Millionen von Menschen hatten nur wenige Stunden am Tag Strom.
Anakysten der DiXi-Group zufolge hat Russland seit dem 24. Februar 2022 mindestens 64 großangelegte Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur ausgeführt. Dabei brachten die russischen Truppen ungefähr 12.700 Angriffsdrohnen und 2.900 Raketen unterschiedlichen Typs zur Anwendung. Der Charakter der Angriffe änderte sich mit der Zeit. Zu Beginn der Vollinvasion griff Russland vor allem Ölraffinerien und Treibstofflager an. Aber schon im Herbst 2022 begann Russland mit konsequenten systematischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur. Seit 2025 hat deren Ausmaß deutlich zugenommen: Während von 2022-2024 ungefähr 2.800 Raketen und Drohnen im Einsatz waren, waren es allein 2025 bis Anfang 2025 12.800. Zudem nahm Russland immer mehr Ziele ins Visier. Nicht nur der Energiebereich, sondern auch die Logistik; die Eisenbahn und die Infrastruktur der Wasserversorgung wurden einbezogen.
Internationaler Standpunkt
Das humanitäre Völkerrecht verbietet nicht automatisch jeden Angriff auf die Infrastruktur. Aber es setzt deutliche Grenzen. Die Konfliktparteien sind verpflichtet, zwischen zivilen Objekten und militärischen Zielen zu unterscheiden. Nur militärische Ziele dürfen angegriffen werden, zivile Objekte dürfen kein Angriffsziel werden. Sogar wenn ein bestimmtes Infrastruktur-Objekt militärische Bedeutung hat, muss ein Angriff darauf das Prinzip der Verhältnismäßigkeit beachten. Das heißt, der zu erwartende Schaden für Zivilisten und zivile Objekte darf im Verhältnis zum konkreten und unmittelbaren militärischen Vorteil nicht übermäßig hoch sein.
Einen besonderen Schutz genießen Objekte, die fürs Überleben der Zivilbevölkerung notwendig sind. Dazu gehörten solche, die mit der Wasserversorgung, der Lebensmittelversorgung, Heizung und anderen Grundbedürfnissen der Menschen zusammenhängen. Sie zu zerstören oder außer Betrieb zu setzen kann die Zivilbevölkerung in eine Situation bringen, in der der reine Überlebenskampf zu einer täglichen Herausforderung wird.
Daher stuft das Römische Statut des IStGH gezielte Angriffe gegen zivile Objekte als Kriegsverbrechen ein, außerdem auch Angriffe, die Zivilisten einen Schaden zufügen können, der im Vergleich zum zu erwartenden militärischen Vorteil unverhältnismäßig hoch ist.
Im März 2024 stellte der IStGH Haftbefehle gegen die russischen Kommandeure Sergej Kobilasch und Viktor Sokolov aus. Grund dafür waren die Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur von Oktober 2022 bis März 2023. Beide Personen stehen in erster Linie im Verdacht, Kriegsverbrechen begangen zu haben, Angriffe auf zivile Objekte durchgeführt und übermäßigen Schaden für Zivilisten verursacht zu haben.
Wenn sich daher Angriffe auf die Infrastruktur gegen zivile Objekte richten oder unverhältnismäßige Folgen für die Zivilbevölkerung haben, können sie einen Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht darstellen und international strafrechtlich belangt werden.