Der russische Angriff auf das Höhlenkloster

In der Nacht auf den 15. Juni überzogen die russischen Streitkräfte Kyjiv erneut mit massiven Bombenangriffen. Insbesondere zwei historische Baudenkmäler wurden getroffen: Die Mariä-Entschlafens-Kathedrale des Kyjiver Höhlenklosters und die Museumsanlage des “Mystetskyi Arsenal”, die sich genau gegenüber der heiligen Stätte befindet.
In den ersten Minuten nach dem Angriff auf das Höhlenkloster — die Lavra — setzte die russische Propaganda eine ganze Reihe verlogener Erklärungen in die Welt, von denen sich mehrere auch direkt widersprachen. Telegram-Kanäle und die wichtigsten Z-Blogger der RF verbreiteten Geschichten über ukrainische MIM-104-Patriot-Abwehrraketen, die die Kulturgüter getroffen haben sollten. Zudem beschuldigten sie die ukrainische Regierung, eine kontrollierte Sprengung der Kathedrale oder einen Brandanschlag auf sie veranlasst zu haben.
Der Journalist von NV (Novoe Vremja) Serhij Okunjev hat die brennende Kathedrale noch am frühen Morgen besichtigt und wäre beinahe dem zweiten Angriff auf die Lavra zum Opfer gefallen. Das Video des Journalisten widerlegt eindeutig die russischen Versionen über angebliche Abwehrraketen oder kontrollierte Sprengungen. Hier folgt Okunjevs Bericht über die Ereignisse dieser Nacht und des Morgens für die Charkiver Menschenrechtsgruppe (ChPG).

Der Beschuss in der Nacht auf den 15. Juni unterschied sich wenig von den vorangegangenen Attacken. Schon am Abend wurde bekannt, dass ein massiver Angriff bevorsteht. Daher kamen ich und einige andere Kollegen in einer der Metrostationen zusammen, um unsere Aktionen zu koordinieren. In Anbetracht der russischen Taktik der Doppelschläge begaben wir uns nicht gleich an die Einschlagsorte, auch nicht, als wir bereits aktuelle diesbezügliche Informationen erhalten hatten.
Später stieß ich noch auf ein weiteres Beispiel russischer Propaganda: in den sozialen Netzen tauchten KI-generierte Fake-Bilder auf, denen zufolge ukrainische Journalisten bereits einige Stunden vor dem Angriff am Höhlenkloster aufgetaucht sein sollen, um Aufnahmen zu machen. Dass das eine primitive Fälschung ist, begreift jeder Einwohner von Kyjiv: Auf dem KI-Bild befindet sich das Höhlenkloster mitten in einem Wohngebiet, und den Ort, an dem die Journalisten angeblich ihre Aufnahmen vorbereiteten, gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Es ist also ganz offensichtlich ein Fake.
Gewöhnlich erfahren wir über die Orte russischer Attacken wie alle Hauptstadteinwohner aus offenen Quellen und durch Informationsaustausch unter Kollegen. Wir haben ein Sicherheitsprotokoll, das verhindern soll, dass die Publikation von Fotos oder Videos zu weiteren Angriffen führt. Dies alles galt auch für die Nacht auf den 15. Juni.

Von dem Angriff auf das Höhlenkloster erfuhren meine Kollegen und ich ebenso wie alle anderen aus den sozialen Netzen und Kanälen. Wir begaben uns zur Metrostation “Arsenalna”, aber auf dem Weg dorthin verzeichneten wir bereits einen Treffer durch eine Drohne oder durch ihre Trümmer in einem Kleidermarkt in der Nähe der Station “Schuljavska”. Dort war es zu einem großen Brand gekommen. Der Katastrophendienst löschte die Flammen, obwohl weitere Angriffe zu erwarten waren. Unser Weg zum Kloster führte über die Parkov-Straße. Zu diesem Zeitpunkt war die eigentliche Angriffswelle schon vorbei, alles hatte sich ungefähr um 4 Uhr morgens abgespielt. In diesem Augenblick hörten wir das Geräusch einer weiteren Drohne, die vom linken (Dnipro-)Ufer in Richtung Höhlenkloster flog. Die Drohne wurde über dem Dnipro vor unseren Augen abgeschossen. Wir können es nicht mit Sicherheit sagen, aber es ist wahrscheinlich, dass auch diese Drohne das Höhlenkloster im Visier hatte, aber ihr Ziel nicht erreichte.
Nachdem wir am Ort des Geschehens eingetroffen waren, ließen wir das Auto beim Eingang zum Mystetskyi Arsenal in der Lavra-Straße stehen. Einer unserer Kollegen begab sich sofort durch den zentralen Eingang in die Mariä-Entschlafens-Kathedrale, während ein anderer Kollege und ich zum Denkmal des Chronisten Nestor gingen. Wenige Minuten, nachdem wir an der Zitadellen-Straße angekommen waren, hörten wir eine sich nähernde Drohne. Die Mitarbeiter des Katastrophenschutzes, die sich in großer Zahl in der Nähe des Klosters befanden, riefen ebenfalls etwas von einem drohenden Angriff.

Zunächst liefen wir in Richtung Auto, sahen dann aber, dass wir es dorthin nicht schaffen würden, weil die Drohne schon zu nah war. Wir fanden den nächsten sicheren Ort — die Vorhalle der Kirche des Ehrwürdigen Agapit Petscherskyj. Einige Sekunden, nachdem wir in “Deckung” gegangen waren, hören wir die Drohne nicht nur, sondern sahen die Shahed 136 auch, die sich auf den Glockenturm der Lavra zubewegte. Mein Kollege begann mit einer Videoaufzeichnung. Dass die Drohne die Lavra ansteuerte, berichtet auch unser Kollege, der zu diesem Zeitpunkt in der Nähe der Entschlafens-Kathedrale Schutz suchte und die Drohne sah, die unmittelbar auf ihn zuflog.

Als sich die Drohne unmittelbar über uns befand, änderte sich ihr Ton. Vor der Attacke begann ihr Sturzflug. Im letzten Moment traf sie den Johann-Kuschtschnyk-Turm und zerstörte das Kreuz. Bedingt durch dieses Hindernis änderte sich ihre Laufbahn deutlich, nach dem Einschlag drehte sie ab, und danach kam es zu einer Explosion. Dies ist auf dem Video unseres Kollegen zu sehen. Ich befand mich weniger als 30 Meter von dem Einschlag entfernt und sah alles mit eigenen Augen.
Während dieser Vorfälle hörte ich keinen einzigen Schuss, der Motor der Drohne klang völlig normal, sie zielte auf eine Attacke, änderte jedoch ihre Richtung, nachdem sie den Turm getroffen hatte. So schlug sie in den Seitenteil des Mystetskyi Arsenal ein.

Die Auslassungen der russischen Propaganda über die angebliche Beschädigung des Gebäudes durch die ukrainische Luftabwehr halten keiner Kritik stand. Der zweite Einschlag erfolgte unmittelbar vor meinen Augen. Eine Shahed kann man nicht mit der Luftabwehr-Rakete verwechseln. Außerdem habe ich gleich danach die Trümmer gefilmt, die eindeutig von einer Drohne stammen und nicht von einer Rakete.
In den folgenden Stunden setzte ich meine journalistische Arbeit bei der Entschlafens-Kathedrale und dem gesamten Kyjiver Höhlenkloster fort. Neben der Kathedrale fanden sich ebenfalls kleinere Trümmer der “Shahed”. Alle Augenzeugen — von Mönchen bis zu gewöhnlichen Bewohnern der umgebenden Häuser, mit denen ich sprechen konnte — äußerten sich übereinstimmend über den Drohneneinschlag in der Kathedrale. Dies wird durch das sehr typische Motorengeräusch der Shahed bestätigt, das nicht mit dem einer Abwehrrakete zu verwechseln sind. Später entdeckte der Katastrophenschutz noch größere Überreste von der Drohne, insbesondere auf dem Dach der Mariä-Entschlafens-Kathedrale ihren Motor.
Was sich im Folgenden im Zusammenhang mit Versuchen der russischen Propaganda abspielte, die das russische Vorgehen zu rechtfertigen suchte, ist die alte Schule russischer Lügen. Wie schon bei den Verbrechen in Butscha produzieren und verbreiten die Propagandisten gleichzeitig eine große Anzahl verschiedener Versionen, die sich nicht selten direkt widersprechen, um einen möglichst großen informativen Lärm zu erzeugen. Man erinnere sich an Butscha: “Es gab keine Leichen, es gibt ein Video, — wo die angeblich in Butscha Getöteten als Schauspieler zu erkennen sind” und gleichzeitig: “Die in Butscha Getöteten sind Opfer ukrainischer Nazis”. Und noch einige Dutzend weiterer Versionen, die alle einander widersprechen. Beim Höhlenkloster ist die Situation ähnlich: “‘Das war ein Einschlag einer ukrainischen Luftabwehrrakete’ und gleichzeitig: ‘Ukrainische Nazis haben die Kathedrale selbst zuvor in Brand gesteckt und dann Journalisten zu dem Angriff geschickt’.
Meiner Auffassung nach gab es während der Attacke keinerlei Geheimnisse. Die Russen griffen das Terrain des Höhlenklosters gezielt an, mit mindestens zwei Drohnen. Es können allerdings durchaus mehr gewesen sein, da ein Teil möglicherweise weit vorher abgeschossen wurde, sogar noch außerhalb von Kyjiv. Für Behauptungen über Luftabwehrraketen oder andere Verschwörungstheorien gibt es keinerlei Beweise, auch keine oberflächlichen oder indirekten.