Wie Russland ukrainische Kinder tötet

In den Jahren seit der Vollinvasion sind Hunderte von Kindern ums Leben gekommen, Tausende wurden verletzt. Das ist kein Zufall, sondern die Folge regelmäßiger russischer Angriffe auf die Zivilbevölkerung.
Marija Krykunenko29. Mai 2026UA DE ES FR RU

Ілюстративне зображення, © Марія Крікуненко Иллюстративное изображение, © Мария Крикуненко

Mit Stand vom 25. Mai 2026 hat die Vollinvasion in die Ukraine 705 Kinder das Leben gekostet, 2.527 wurden verletzt. Diese offiziellen Angaben zitiert das Regierungsportal „Kinder des Krieges“. Dies sind allerdings nur die verifizierten Fälle. Die tatsächliche Opferzahl kann viel höher liegen, weil in Zonen mit aktiven Kampfhandlungen sowie in zeitweilig besetzten Gebieten zurzeit keine Informationen gesammelt werden können.

Die UNICEF weist ebenfalls darauf hin, dass Kinder in der Ukraine im Krieg nach wie vor zu den vulnerabelsten Gruppen gehören. Laut UNICEF ist die Zahl der betroffenen Kinder allein im letzten Jahr seit 2024 um 10 % gestiegen. Bereits im dritten Jahr in Folge nehmen die von der UNO bestätigten Verluste unter Kindern in der Ukraine zu.

8. April 2022 — Kramatorsk

An jenem Morgen hielten sich am Bahnhof von Kramatorsk etwa viertausend Zivilisten auf, die auf ihre Evakuierung warteten. Darunter waren viele Familien mit Kindern, die sich aus dem Gebiet Donezk in sicherere Regionen der Ukraine begeben wollten. Die russischen Truppen bombardierten den Bahnhof mit einer Totschka-U-Rakete mit Streumunition, und zwar genau in dem Augenblick, als die Menschen auf die Evakuierungszüge warteten. 61 Personen kamen dadurch ums Leben, darunter neun Kinder. 121 weitere Personen wurden verletzt.

Wie bei vielen anderen Angriffen auf Zivilisten hat Russland seine Beteiligung bestritten. Das russische Verteidigungsministerium behauptete, die Rakete „Totschka-U“ werde von den russischen Streitkräften nicht eingesetzt, machte die Ukraine verantwortlich und bezeichnete den Angriff als „Provokation“. Allerdings fand Human Rights Watch in der Untersuchung keinerlei Beweise für diese Behauptung und kam zum Schluss, dass der Beschuss vom besetzten Teil des Donezker Gebiets ausgegangen war.

Плями крові біля сумок, валізок, дитячої коляски на платформі після ракетного удару російських військових по залізничному вокзалу в Краматорську, 8 квітня 2022 року Пятна крови возле сумок, чемоданов и детской коляски на платформе после ракетного удара российских военных по железнодорожному вокзалу в Краматорске, 8 апреля 2022 года

14. Juli 2022 — Vinnyzja

Die russische Armee griff tagsüber das Zentrum von Vinnyzja mit „Kalibr“-Raketen an. 27 Menschen kamen ums Leben, darunter drei Kinder.

Eines der getöteten Kinder war die vierjährige Lisa Dmytrijeva, die mit ihrer Mutter Iryna gerade auf dem Rückweg vom Logopäden war. Das Foto mit ihrem umgekippten blutbefleckten rosafarbenen Kinderwagen, das nach dem Angriff veröffentlicht wurde, ging durch die Welt. Der siebenjährige Maksym Zharij war mit seiner Mutter Viktoria zu einer Untersuchung in die Stadt gekommen und befand sich mitten im medizinischen Zentrum, das in Brand geriet. Sie kamen gemeinsam ums Leben. Der achtjährige Kyrylo Pjachin war mit seiner Familie, die sich in Sicherheit bringen wollte, kurz zuvor aus dem besetzten Gebiet Cherson nach Vinnyzja evakuiert worden. Er auf seinen Onkel in einem geparkten Auto, das bei der Explosion sofort in Flammen aufging. Das Kind saß so in einer brennenden Falle fest.

Nach dem Terrorakt änderte die russische Führung ein paar Mal ihre Propaganda-Versionen im Versuch, die Attacke zu rechtfertigen. Zunächst sprach der Kreml von der „Vernichtung einer Basis von Nationalisten“, dann von der „Konferenz eines Kommandoteams der ukrainischen Luftstreitkräfte mit ausländischen Waffenlieferanten“. Zugleich bestritt man gezielte Angriffe auf Zivilisten. Die Ukraine qualifizierte den Angriff auf Vinnyzja offiziell als weiteres russisches Kriegsverbrechen gegen die Menschlichkeit.

8-річний Кирило П’яхін, 7-річний Максим Жарій, 4-річна Ліза Дмитрієва, які загинули під час ракетного обстрілу Вінниці 14 липня 2022 року. Колаж: Суспільне 8-летний Кирилл Пьяхин, 7-летний Максим Жарий, 4-летняя Лиза Дмитриева, погибшие во время ракетного обстрела Винницы 14 июля 2022 года. Коллаж: Суспільне

27. Juni 2023 — Kramatorsk

Am Abend des 27. Juni 2023, einen Tag vor dem Tag der ukrainischen Verfassung, richteten die russischen Truppen einen Schlag mit einer Iskander-Rakete gegen das Zentrum von Kramatorsk im Gebiet Donezk. Ziel war die in der Stadt beliebte Pizzeria „Ria Pizza“, die zu dem Zeitpunkt gut besucht war. Die heftige Explosion zerstörte das Gebäude vollständig. 13 Personen kamen ums Leben, und über 60 trugen unterschiedlich schwere Verletzungen davon.

Unter den Getöteten waren drei Kinder. Die russische Rakete kostete die 14-jährigen Zwillingsschwestern Julija und Anna Aksentschenko das Leben. Sie beendeten gerade die achte Klasse und hätten im Sommer ihren 15. Geburtstag gefeiert. Außerdem verstarb an ihren Verletzungen eine 17-jährige junge Frau, die in der Pizzeria beschäftigt war.

Загиблі сестри Аксенченко. Фото: Управління освіти Краматорської міської ради Погибшие сёстры Аксенченко. Фото: Управление образования Краматорского городского совета

Die Schwestern Aksentschenko. Foto: Bildungszentrum im Stadtrat Kramatorsk

Der Sicherheitsdienst der Ukraine nahm umgehend den Zielkoordinator fest, — einen Einheimischen, der im Auftrag des russischen Militärgeheimdienstes die Einrichtung und den Verkehr auf dem benachbarten Parkplatz gefilmt und das Video unmittelbar vor dem Angriff seinen Auftraggebern zugeleitet hatte. Das russische Verteidigungsministerium versuchte wie gewöhnlich den Terrorakt zu rechtfertigen — angeblich sei es um die „Vernichtung der zeitweiligen Stationierung eines Kommandos der ukrainischen Streitkräfte“ gegangen.

14. Januar 2023 — Dnipro

Am Samstag, einem Feiertag, führte die russische Armee kurz vor 15.40 mit einer Hyperschall-Antischiffs-Rakete X-22 einen hinterhältigen Angriff auf Dnipro aus. Die Rakete mit einem Gefechtskopf von fast einer Tonne traf direkt ins Zentrum eines Gebäudes. Sie zerstörte zwei Treppenhäuser und verwandelte Dutzende von Wohnungen in Ruinen.

Dieser Terrorakt raubte 46 Personen das Leben, sechs davon waren Kinder. Das jüngste Opfer war Mykyta Selenskyj im Alter von elf Monaten, der gemeinsam mit seinem Vater Oleksyij starb, während seine Mutter Kateryna durch ein Wunder nach 20 Stunden unter den Trümmern lebend von Rettungskräften geborgen wurde. Die russische Rakete tötete außerdem den anderthalbjährigen Makar Gusja, der mit seinen Eltern Anastasija und Dmytro starb. Unter den Trümmern im vierten Stock des Hauses endete das Leben der beiden Schwestern Lejla (13) und Michajlina (3) Franzevyj, sie wurden gemeinsam mit ihrer Mutter Oksana getötet. Opfer dieses grausamen Angriffs wurden auch die 15-jährige Marija Lebid und der 17-jährige Maksym Bohuzkyj.

Am 16. Januar 2023 teilte der SBU mit, dass an dem Raketenangriff gegen das Wohnhaus in Dnipro möglicherweise Angehörige des 52. Garderegiments der schweren Fliegerbomben der russischen Luftwaffe beteiligt waren. Am 24. Januar erklärte das Büro des Generalstaatsanwalts, die Leitung dieses Luftwaffenregiments stehe unter Verdacht.

На зупинці навпроти будинку містяни облаштували меморіал. Фото: Суспільне Дніпро На остановке напротив дома горожане устроили мемориал. Фото: Суспільне Дніпро

An der Haltestelle gegenüber dem Haus haben Stadtbewohner ein Denkmal errichtet. Foto: Suspilne Dnipro

2. März 2024 — Odesa

In der Nacht schlug eine Shahed-Drohne in ein mehrstöckiges Wohnhaus in Odesa ein. Die heftige Explosion zerstörte einen Treppenaufgang des achtstöckigen Gebäudes vollständig, 18 Wohnungen stürzten ein. Die Rettungsaktionen nahmen fast zwei Tage in Anspruch. Schließlich wurde bekannt, dass zwölf Personen getötet worden waren, darunter fünf Kinder.

Ums Leben kamen der dreijährige Mark Pogozhin und sein Vater Vitalij sowie der viermonatige Tymofij Gajdarzhi und seine Mutter Anna. Außerdem wurde fast die gesamte Familie Kravez getötet: Tetjana, ihr Mann Oleh und ihre Kinder Lisa (sieben Monate), Zlata (acht Jahre) und Serhij (neun Jahre).

Neben dem Haus wurde ein Mahnmal für die Getöteten errichtet. Seit den ersten Tagen nach der Tragödie bringen die Menschen Spielzeug und Blumen dorthin.

Меморіал загиблим мешканцям будинку на вулиці Добровольського в Одесі. Суспільне Одесі Мемориал погибшим жителям дома на улице Добровольского в Одессе. Суспільне Одеси

Mahnmal für die getöteten Bewohner des Hauses in der Dobrovolskijstraße in Odesa. Suspilne Odesi

4. April 2025 — Kryvyj Rih

Am Abend des 4. April griff die russische Armee einen dichtbesiedelten Wohnbezirk in Kryvyj Rih mit einer ballistischen Rakete an. Im Epizentrum der Attacke befand sich ein Kinderspielplatz, wo zu dem Zeitpunkt Kinder spielten. In der Umgebung standen mehrstöckige Häuser, Geschäfte und andere zivile Objekte. Durch den Einschlag starben 20 Personen, darunter neun Kinder. Das jüngste, Tymofij, war erst drei Jahre alt. Außerdem kamen die siebenjährige Arina und Radislav ums Leben, der neunjährige Herman, Alina, Danylo und Mykyta (15 Jahre), Kostjantyn (16 Jahre) und Mykyta (17 Jahre). Mehr als 70 Einwohner wurden verletzt.

Портрети дітей, які загинули внаслідок удару РФ по Кривому Рогу 4 квітня 2025 року. Фото: Суспільне Дніпро Портреты детей, погибших в результате удара РФ по Кривому Рогу 4 апреля 2025 года. Фото: Суспільне Дніпро

Portraits der Kinder, die beim russischen Angriff auf Kryvyj Rih am 4. April 2025 ums Leben kamen. Foto: Dnipro

Bei dem Angriff setzte Russland Streumunition ein. Diese Waffengattung ist in dicht bebauten Regionen besonders gefährlich, denn sie kann Menschen auf einer größeren Fläche erreichen. Obwohl der Schlag einen Wohnbezirk traf, erklärte Russland nach dem Angriff, dass das Ziel eine militärische Konferenz in einem Restaurant gewesen sei.

Die UN-Monitoring-Mission für Menschenrechte in der Ukraine betonte später, dass der April 2025 der tödlichste Monat für Zivilisten seit September 2024 war: mindestens 209 Zivilisten kamen in dieser Zeit ums Leben, und 1.146 wurden verletzt. Unter den Getöteten waren 19 Kinder. Das ist lt. Bericht der UN-Monitoring Mission der höchste monatliche Wert seit Juni 2022.

14. Mai 2026 — Kyjiv

In der Nacht auf den 14. Mai griff die russische Armee mit einer Rakete ein mehrstöckiges Haus im Darnizkyj-Bezirk von Kyjiv an. 24 Personen wurden getötet, darunter drei Kinder im Alter von 12, 15 und 17 Jahren.

Zu den Getöteten gehörte die 15-jährige Marija Polska, Abolventin der 9. Klasse des Kyjiver Lyzeums Nr. 237. Mit ihr verloren auch ihr Vater und ihre Großmutter das Leben. Bei diesem Angriff starben auch die Töchter eines gefallenen ukrainischen Soldaten — die 12-jährige Ljubava und ihre ältere Schwester Vira. Ljubava besuchte die 6. Klasse des hauptstädtischen Lyzeums Nr. 323, und Vira studierte am College der Kyjiver Nationalen Universität für Technik und Design.

Рідні й близькі прощаються із сестрами Любавою (фото ліворуч) та Вірою, які загинули внаслідок російської атаки, Фото: Радіо Свобода Родные и близкие прощаются с сёстрами Любавой (слева на фото) и Верой, погибшими в результате российской атаки. Фото: Радио Свобода

Familien und Freunde nehmen Abschied von den Schwestern Ljubava (linkes Foto) und Vira, die durch den russischen Angriff ums Leben kamen. Foto: Radio Svoboda

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