Der schlimmste Angriff auf die Westukraine

Früh am Morgen des 19. November griffen russische Marschflugkörper die Stadt Ternopil an, die 700 Kilometer von der nächsten Kampfzone entfernt liegt.
Russische Drohnen und Raketen hatten diese Stadt im Hinterland im Westen des Landes schon früher unter Beschuss genommen, aber der Angriff des 19. November war der bisher größte und schlimmste. Bis zum Abend des 20. November waren 26 Todesopfer bekannt, unter ihnen drei Kinder. Etwa 20 weitere Personen werden noch unter den Trümmern vermutet. So wurde der Angriff vom 19. November nicht nur in Ternopil hinsichtlich der Opferzahl der schwerste. Eine so hohe Zahl an zivilen Todesopfern bei Beschuss hatte es bisher noch in keiner westukrainischen Stadt gegeben.

Der Hauptschlag der russischen Raketen traf zwei Wohnhäuser, die einige hundert Meter voneinander entfernt lagen. In beiden gab es Todesopfer.
In einem Fall entstand durch den Raketeneinschlag ein verheerendes Feuer, das sich schnell ausbreitete. Mehrere Menschen konnten ihre Wohnungen nicht mehr verlassen und kamen daher ums Leben. An der anderen Stelle traf eine russische X-101-Rakete die oberen Stockwerke des neunstöckigen Hauses. Mehrere Etagen wurden völlig zerstört, das Backsteinhaus begrub viele Menschen zwischen den Stockwerken unter sich.
“Wir hörten die ersten Explosionen, das war noch relativ weit weg. Wir waren unsicher, ob wir in den Schutzraum gehen sollten oder nicht, aber ich hatte so ein gewisses Gefühl. Wir nahmen unsere Ausweise, ich nahm das Kind, und wir gingen hinunter. Auf meiner Etage lebt auch mein Cousin, wir sprechen uns jeden Tag, wir leben Wand an Wand. Ich klopfte bei ihm und sagte, man sollte runtergehen, aber er meinte, er werde das nicht tun und die Situation beobachten. Ich ging mit Mann und Kind aus dem Haus. Nach fünf bis zehn Minuten gab es eine Explosion. Unsere Wohnung und die meines Cousins wurden vollständig zerstört”, berichtet Olha aus Ternopil.

Den ganzen 19. November warteten die Frau und ihr Mann auf eine Nachricht über den Cousin. Das Telefon antwortete nicht, und die Zerstörungen sahen furchtbar aus. Allerdings stellte sich ungefähr um 17 Uhr heraus, dass er am Leben war. Mitarbeitern des Katastrophenschutzes war es gelungen, seine Stimme in einer besonderen „Schweigeminute“ zu hören, wenn die Technik und sämtliche Arbeiten angehalten werden. Später gelang es, ihn zu befreien. Er war von der 9. auf die 7. Etage hinuntergestürzt und hatte ungefähr zehn Stunden unter großen Platten zugebracht, von denen einige glimmten.
„Ich war von Anfang an sicher, dass er lebt. Aber die Zeit schritt voran. Es war schon Abend, Mein Mann sagte, wenn sie ihn am Abend nicht finden, muss man auf das Schlimmste gefasst sein. Ich verstand das auch. Aber später erfuhren wir, dass er lebte. Wir waren perplex — und die Ärzte auch — dass er nach so einer Explosion und so vielen Stunden unter Trümmern nur den Arm gebrochen, eine Gehirnerschütterung und ein geringes Trauma am Brustkorb davongetragen hatte. Er ist bei Bewusstsein, erinnert sich an alles, macht Witze. Er sagt, dass ihm sehr kalt war, aber dass er wusste, dass man ihn herausholen werde“, berichtet Olha.
Die Frau und ihr Cousin haben ihre Wohnung verloren, sind aber am Leben geblieben. Serhij Hadal, der Bürgermeister der Stadt, betonte, dass das Haus nicht wiederhergestellt werden kann. Alle Einwohner erhalten Unterstützung beim Umzug und Entschädigungszahlungen vom Staat und von der Stadt.

Allerdings hatten nicht alle so viel Glück wie Olhas Familie. Neben dem Haus wartete Ihor mehr als 24 Stunden auf eine Nachricht. Er selbst wohnte nicht in dem zerstörten Gebäude, aber seine Urgroßmutter lebte dort im 6. Stock. Gerade der 6. und 7. Stock waren für die Suche am schwierigsten, die oberen Etagen haben sie unter sich begraben. Daher musste man erst die Trümmer der anderen Etagen beseitigen, um an die 6. und 7. Etage heranzukommen.
„Ich hörte die Explosionen und ging nach draußen. Dann traf ich eine Nachbarin, die sagte, dass ein Haus zerstört worden sei. Ich fragte nach der Adresse und erfuhr, dass es sich um das Haus meiner Urgroßmutter handelte. Ich lief sofort dorthin. Die ganze Zeit warte ich auf Informationen. In der Tat kann man sehen, dass die Decken in der Umgebung ihrer Wohnung so „angeordnet“ sind, dass da ein freier Raum sein könnte. Ich habe eine gewisse Hoffnung, aber es sind schon anderthalb Tage verstrichen, und die Hoffnung wird immer geringer. Ich sehe, wie die Leute vom Katastrophenschutz arbeiten, ich sehe ein, dass das sehr schwierig ist. Darum warte ich einfach nur ab. Ich habe in der Nacht nicht geschlafen, ich habe mit meiner Frau gesprochen. Meine Urgroßmutter hängt sehr am Leben, sie ist immer mit der Katze spazieren gegangen und war überhaupt ständig mit ihrer Katze zusammen. Wahrscheinlich ist sie auch jetzt mit dieser Katze unter den Trümmern. Wenn man am Ende wenigstens ihre sterblichen Überreste findet — das ist auch sehr wichtig für mich”, sagt Ihor.
In der Nähe des Hauses gibt es viele Menschen, die wie Ihor auf Auskunft warten. Viele von ihnen waren nicht bereit, mit der Presse zu sprechen, was völlig verständlich ist. Von Zeit zu Zeit kommen Informationen aus den Leichenhäusern.

“Was ich gesehen habe? Ich konnte nichts sehen. Es gab einen sehr heftigen Schlag. Als ob sich die Erde von unten nach oben gekehrt hätte... Bei uns waren die Türen blockiert, wir konnten nicht raus. Mein Mann ist Invalide der zweiten Gruppe, er wollte gerade seine Morgenmedikamente einnehmen. Die Rettungskräfte kamen sehr schnell, wirklich schnell. Sie machten sich daran, unsere Tür aufzubrechen, befreiten uns und halfen uns, rauszukommen. Aber auf meinem Stockwerk, hinter der Wand, wohnte eine Frau mit zwei Kindern. Bei ihnen ist viel mehr zerstört, und man hat sie bis heute nicht gefunden”, berichtet eine weitere Bewohnerin des betroffenen Hauses.
Die Information über die Frau und die Kinder unter den Trümmern wurde sogleich auch von anderen Zeugen berichtet. Offiziell kann das allerdings erst der Katastrophenschutz betätigen, wenn die entsprechenden Stockwerke und Wohnungen durchsucht worden sind.

Angesichts der Schäden, der Beschaffenheit des Objekts und der Zahl der Opfer kamen den Ternopiler Kollegen die besten Abteilungen aus verschiedenen Regionen der Ukraine zu Hilfe. Vor allem war eine neueingerichtete Unterabteilung des Katastrophenschutzes “Delta” in Ternopil im Einsatz, wie der Sprecher des ukrainischen Katastrophenschutzes Oleksandr Chorunzhyj mitteilte. Diese Gruppe kann kurzfristig verschiedene Regionen des Landes aufsuchen und besonders gefährliche und komplizierte Aufgaben ausführen. Bei Übungen trainiert “Delta” sogar Fallschirmeinsatz von Hubschraubern und Unterwasser-Rettungsoperationen.
Zum Abend des 20. November dauerten die Such— und Rettungsarbeiten in Ternopil noch an.

Aktualisierung: Mit Stand vom 23. November ist bekannt, dass 34 Personen ums Leben gekommen sind, darunter sechs Kinder.